Notfälle bei Kindern: Ein Junge wird im Notfallzentrum versorgt.

«Eltern sollten die Warnsignale erkennen»

In welchen Fällen sollte ich mein Kind zum Arzt bringen? Was kann ich zu Hause behandeln? Dr. Dörthe Harms, Leitende Ärztin Pädiatrie, erklärt, wie Eltern echte Notfälle erkennen können.

Frau Harms, täuscht der Eindruck, oder nehmen Notfallkonsultationen tatsächlich stetig zu?
Als ich vor 15 Jahren im KSB anfing, kamen im Jahr rund 3500 Kinder zu uns, jetzt liegen wir beim Vierfachen. Um diese Zunahme zu bewältigen, haben wir das Pflege- und Ärzteteam vergrössert sowie neue Strukturen geschaffen. Trotzdem müssen Patienten heute manchmal länger auf die Behandlung warten, wenn viele Kinder gleichzeitig in der Notaufnahme sind.

Sind darunter auch leichte Fälle?
In der Tat kommen auch viele Patienten mit Symptomen oder Erkrankungen zu uns, die ein Kinder- oder Hausarzt problemlos am nächsten Tag hätte beurteilen können. Die Eltern machen sich aber meist ernsthafte Sorgen, sie suchen schnelle Hilfe – und die Notfallstation für Kinder ist jederzeit verfügbar. Zudem haben einige unserer Patienten keinen Kinder- oder Hausarzt mehr, denn es kann schwierig sein, einen solchen zu finden.

Wie hoch ist der Anteil an Patienten, die eigentlich nicht in den Notfall gehören?
Das ist schwierig zu beantworten. Wenn man nur die medizinischen Fakten betrachtet, sind für uns Fachpersonen zwei Drittel unserer Patienten keine «echten» Notfälle. Die Eltern, die Angst um ihr Kind haben, interpretieren einen Notfall aber natürlich anders.

Kommt es auch vor, dass Sie einen Patienten als Bagatellfall einstufen und wieder nach Hause schicken?
Nein, das tun wir nicht. Wir behandeln alle Patienten. Die Reihenfolge der Behandlung richtet sich allerdings nach der Schwere der Erkrankung und nicht nach dem Zeitpunkt des Eintreffens. Daher gehen manche Familien ohne Konsultation wieder nach Hause, da sie nicht warten wollen.

Notfälle bei Kindern und Jugendlichen

Dörthe Harms Huser, Leitende Ärztin in der Klinik für Kinder und Jugendliche, und ihr Team behandeln rund 14 000 Kinder und Jugendliche jährlich im KSB-Notfall. Das entspricht rund 40 Fällen pro Tag. Reger Betrieb auf der Notfallstation herrscht insbesondere an Wochenenden und Donnerstagen, wenn viele Arztpraxen geschlossen sind.

Wer soll also tatsächlich zu Ihnen ins Notfallzentrum kommen?
Im Idealfall kommen Patienten zu uns, die akut schwer erkrankt sind und sofortige Hilfe brauchen. Oder solche, die bereits bei einem Kinder- oder Hausarzt waren und uns für weitere Abklärungen oder Therapien zugewiesen wurden. Wir kümmern uns also um akute Notfälle und weisen die Patienten dann wieder dem Kinderarzt zu. Denn dank kontinuierlicher Betreuung des Kindes und der Familie hat dieser einen viel umfassenderen Überblick als wir. Für Abklärungen chronischer Beschwerden, für Impf- oder Ernährungsberatung oder für Entwicklungsbeurteilung sind wir nicht die richtige Anlaufstelle.

Und wann ist ein Fall so akut, dass er bei Ihnen richtig ist? Ein Beispiel: Ein Zwölfjähriger prallt bei einem Fussballmatch heftig mit einem Gegner zusammen und bleibt liegen. Sein grosser Zeh schmerzt extrem.
In diesem Fall sollte man die Situation erst einmal beobachten, dem Knaben ein Schmerzmittel geben und den Fuss kühlen. Wenn die Beschwerden nicht abnehmen oder sogar zunehmen, sollte nach ein bis drei Tagen der Kinderarzt aufgesucht werden oder – falls dieser nicht erreichbar ist – der Kinder-Notfall. Wenn sich am Ende doch herausstellt, dass der Zeh gebrochen ist, beeinflusst es die Heilung nicht, dass man die ersten Tage zugewartet hat.

Zweites Beispiel: Drei Stunden nach dem Zusammenstoss klagt derselbe Patient über starke Kopfschmerzen und Übelkeit.
Falls der Knabe bei vollem Bewusstsein ist, normal reagiert, spricht und sich normal bewegt, kann man abwarten und erst einmal ein Schmerzmittel geben. Wenn nach dem Schmerzmittel die Beschwerden nicht abnehmen oder sogar Brechreiz auftritt, sollte er von einem Arzt untersucht werden. Das heisst zuerst wieder vom Kinderarzt. Ist dieser nicht erreichbar, gehört dieser Knabe ins Kinder-Notfallzentrum eingewiesen.

Drittes Beispiel: Die Tochter hat eine schwere Angina, und das Fieber steigt auf über 40 Grad.
Hat das Mädchen keine schweren Grunderkrankungen wie etwa einen Herzfehler, kann auch hier erst einmal ein Medikament gegen Fieber und Schmerzen gegeben werden. Sinkt damit das Fieber für einige Stunden und nehmen die Schmerzen ab, kann man die Situation zu Hause beobachten und das Mädchen je nach Zustand erst am nächsten Tag zum Kinderarzt bringen.

Haben Sie den Eindruck, dass manche Eltern heute überängstlich reagieren?
Ich würde sagen, dass sie vielleicht weniger Erfahrung im Umgang mit Krankheiten haben als frühere Elterngenerationen. Trotz – oder vielleicht auch wegen – dem Internet sind sie weniger gut informiert und deswegen unsicher. Zudem hat das Kranksein im Vergleich zu früher keine Akzeptanz mehr in unserer Gesellschaft: Man möchte das Problem so schnell wie möglich beseitigt haben. Auch scheint der Druck auf die Eltern, immer alles richtig machen zu müssen, heute höher zu sein. Viele wollen den Kindern immer und sofort das Beste geben.

Wie lässt sich die Zahl der Notfallkonsultationen reduzieren?
Wir Fachleute müssen die Eltern unterstützen und sie befähigen, den Gesundheitszustand ihrer Kinder gut und kompetent einzuschätzen und dieser Einschätzung auch zu vertrauen. Dazu müssen sie wissen, dass Fieber an sich nichts Gefährliches ist, sondern auch nützlich sein kann – als ein natürlicher Teil fast jeder Infektion. Sie sollten von uns hören, dass sie nichts falsch machen und dass sie gute Eltern sind, wenn sie ihr Kind bei «normalen» Virusinfekten und Verletzungen zunächst selbst zu Hause betreuen. Sie müssen aber auch lernen, dass insbesondere Virusinfektionen einen natürlichen Verlauf haben, den Medikamente und auch Ärzte nicht beschleunigen können. Und schliesslich müssen wir Eltern auch beibringen, die sogenannten «Red Flags» – die Warnzeichen – zu erkennen, bei denen die zügige Untersuchung durch einen Arzt erforderlich ist.

Sie betreiben also auch Aus- und Fortbildung für Eltern?
Die Information – und damit die Beruhigung der Eltern – zählt neben der Betreuung akut erkrankter Patienten, die sofort unsere Hilfe brauchen, zu einer unserer wichtigsten Aufgaben. Bei unserer Veranstaltung zum Thema «Notfälle bei Kindern und Jugendlichen» werden wir uns daher genau mit diesen Themen beschäftigen, und wir setzen viel daran, den Eltern mehr Sicherheit im Umgang mit Krankheiten zu vermitteln.

Rote Fahnen: Warnsignale für Eltern

Für Dr. Dörthe Harms Huser gehören die folgenden sieben typischen Fälle ärztlich abgeklärt. Eltern sollten diese sogenannten «Red Flags» (rote Fahnen) kennen:

  • Babys, die vor weniger als zwölf Wochen geboren wurden und Fieber haben oder nicht trinken möchten, sollten Eltern zügig zum Kinderarzt bringen.
  • Nackensteifigkeit mit Fieber oder Kopfschmerzen kann auf eine Hirnhautentzündung, eine schwerwiegende Erkrankung, hindeuten.
  • Wenn Kinder nach einem Sturz oder bei einem Infekt nicht mehr richtig reagieren, apathisch wirken oder nicht mehr geweckt werden können, sind dies Alarmzeichen.
  • Anzeichen von Austrocknung: Wenn ein Kind, das erbricht oder Durchfall hat, zunehmend schläfrig ist, keinen Urin mehr löst oder ohne Tränen weint, sind dies ernstzunehmende Warnzeichen.
  • Atemnot: Wenn ein Kind angestrengt atmet, braucht es schnelle Hilfe. Das kann bei Infektionen, Asthma oder auch beim Einatmen von Fremdkörpern vorkommen.
  • Verdacht auf innere Verletzungen – etwa, wenn ein Kind mit dem Velo stürzt und Prellungen von der Lenkstange am Bauch hat.





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