Symbolbild eines Vogels der in ein Ohr zwitschert

Tinnitus: Das Pfeifen im Ohr

In Industrieländern ist jede sechste Person im Lauf ihres Lebens von einem Tinnitus betroffen, einem permanenten oder chronisch auftretenden Ohrensausen. Bei den über 65-Jährigen ist es jede vierte Person. Woher kommen diese Geräusche im Ohr, und was kann man dagegen tun?

Die einen hören ein Brummen, ein Pfeifen oder ein Rauschen, bei anderen ist es eher ein Zittern, Knattern oder Summen. Ob einseitig oder beidseitig: Ein Tinnitus ist meistens ein subjektiv wahrgenommenes Geräusch. Oftmals verbunden mit einem Hörverlust. Wo Aussenstehende keine Lärmquellen feststellen, nehmen Betroffene ein phantomartiges Ohrgeräusch wahr – anhaltend oder im harmlosesten Fall vorübergehend. In seltenen Fällen liegt auch für die untersuchende Person ein hörbares Geräusch vor. Beispielsweise ein fauchendes, pulssynchrones Geräusch durch eine Aortenklappenstenose, das subjektiv als Ohrgeräusch wahrgenommen werden kann.

Vielfältige Ursachen für Tinnitus

Wie genau ein Tinnitus entsteht, ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich liegt ihm meistens eine Schädigung von Haarzellen im Innenohr zugrunde. Das Hörzentrum erhält fehlerhafte oder abgeschwächte Signale. Die Nervenzellen im Hörzentrum verstärken die Signale, um sie zu interpretieren. Das zuerst nicht wahrnehmbare Eigenrauschen wird lauter und tritt ins Bewusstsein eines Betroffenen ein. Hier beginnt der Teufelskreis. Je mehr Aufmerksamkeit ein Ohrgeräusch bekommt, desto stärker wird das Hörzentrum aktiviert. Und desto stärker rückt das Geräusch in den Mittelpunkt der eigenen Wahrnehmung.

Manchmal, beispielsweise nach einem Besuch eines lauten Konzertes, hält ein Ohrensausen nur einige Stunden oder vielleicht Tage an und verschwindet von selbst wieder. In schwerwiegenden Fällen bleibt es ein Leben lang. Als Faktoren, die ein Ohrgeräusch begünstigen, gelten ein defektes Trommelfell, eine Fehlfunktion im Hirn, ein Knalltrauma, permanente oder erhöhte Lärmbelastung oder eine Virusinfektion. Auch Herzfehler, Bluthochdruck oder bestimmte Arzneimittel können Ohrgeräusche verursachen. Der Faktor Stress spielt ebenfalls eine Rolle: Denn Tinnitus ist keine Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr ein Symptom, ein körperliches Warnsignal für eine Überlastung der Ohren. Wichtig ist deshalb, die Ursache vom Spezialisten gründlich abklären zu lassen.

Die zwei Arten des Tinnitus

Es gibt den subjektiven und den objektiven Tinnitus. Die objektive Form kann ein Spezialist mit Hilfe von Geräten akustisch nachweisen. Sie entsteht durch eine körpereigene Schallquelle nahe dem Innenohr, die auf eine anatomische Veränderung zurückzuführen ist. Der subjektive Tinnitus ist jene Form, die nur Betroffene selber wahrnehmen. Ein solches Ohrgeräusch kann einem Patienten je nach Ausprägung das Leben zur Hölle machen – oder ihn kaum und nur punktuell belasten. Davis Knecht, Gitarrist der Badener Band Pedestrians, hat seit einigen Jahren ein permanentes Rauschen auf beiden Ohren. Da es eher leise sei, komme er ganz gut damit klar, sagt er in der Reportage fürs KSB-Magazin. Glück im Unglück für Davis, wobei der Tinnitus gerade in der Musikszene ein verbreitetes Phänomen ist (siehe Bildslider). Aber nicht nur: Die Suva und die Tinnitus-Liga Schweiz gehen von über einer halben Million Menschen aus, die hierzulande an einer Form von Tinnitus leiden.

Vorübergehend oder ein Leben lang

Besteht ein Tinnitus seit bis zu drei Monaten, spricht man von einer akuten Form. Wenn er zwischen drei und zwölf Monaten auftritt, gilt er als subakut. Dauert er länger, dann handelt es sich um eine chronische Form. Bei den Schweregraden I und II (kompensierter Tinnitus) besteht kein bis wenig Leidensdruck, oder die betroffene Person nimmt die Symptome vor allem im Stillen oder bei Stress verstärkt wahr. Die Schweregrade III und IV (dekompensierter Tinnitus) hingegen wirken sich erheblich auf die Gesundheit eines Betroffenen aus und bringen einen hohen Leidensdruck mit sich. Privat- und Berufsleben sind beeinträchtigt, weitere Beschwerden (Konzentrationsstörungen, Muskelverspannungen, Schlafprobleme) kommen hinzu. Oftmals sind Berufsunfähigkeit, der Rückzug aus dem Sozialleben, Depressionen und weitere gesundheitliche Beschwerden die Folge davon.

Ohrensausen – was tun?

Hält ein plötzlich auftauchendes Ohrgeräusch länger als 24 Stunden an, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Denn entscheidend ist es, die Symptome so früh wie möglich zu erkennen und therapieren zu lassen. Die akute Form behandelt man intravenös mit Kortison oder durchblutungsfördernden Medikamenten. Die Chancen auf eine vollständige Heilung steigen, wenn der Patient dabei privaten oder beruflichen Stress vermeidet und er über das Thema aufgeklärt wird. Bei der chronischen Form ist eine komplette Heilung in den meisten Fällen bisher nicht möglich. Einige Therapien können aber Linderung verschaffen.

Die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) gilt als erfolgversprechendste Therapieform. Bei der TRT geht es unter anderem darum, zu lernen, das Ohrgeräusch weniger laut wahrzunehmen. Nebst psychologischer und aufklärerischer Beratung kann auch ein Rauschgenerator die TRT unterstützen. Hilfreich sind auch Entspannungsübungen und eine Musiktherapie. Bei Schwerhörigkeit als Ursache des Tinnitus ist immer die Hörgeräteversorgung zu prüfen.

Die beste Variante, um einen Tinnitus zu verhindern, ist es, auf den eigenen Körper zu hören. Dem Gehör die wohlverdienten Ruhepausen zu gönnen und sich vor übermässigen Lautstärken, sei es bei der Arbeit oder in der Freizeit, zu schützen.

Hier stossen Sie auf offene Ohren

Falls Sie Fragen haben zum Thema Tinnitus, dann wenden Sie sich an Ihren Hals-, Nasen-, Ohrenarzt oder an die Tinnitus-Liga Schweiz.

Informationen zu Lärmbelastung und Gehörschutz finden Sie unter: suva.ch






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