Brustkrebs: Die Betroffene Harriet.

«Ich wollte offen mit der Diagnose Brustkrebs umgehen»

Harriet ist 45, verheiratet und Mutter eines siebenjährigen Buben, als sie einen Knoten in der Brust ertastet. Diagnose: Brustkrebs. Harriet entscheidet sich für einen offenen Umgang mit der Krankheit, die sie schliesslich überwindet. Doch dann kommt der Krebs zurück.

Vor acht Jahren habe ich den Knoten zu Hause ertastet. Das ist ja das einzig Positive am Brustkrebs, dass man ihn oft recht früh spüren kann. Ich weiss zwar, dass Veränderungen in der Brust in vielen Fällen harmlos sind. Aber mir war sofort klar: Das ist nicht gut. Das ist Krebs.

Ich bin sofort ins Spital gefahren, einen Tag später lag ich in der Röhre. Dann waren die Bilder da und mit ihnen die Diagnose Brustkrebs. 2,5 Zentimeter gross war der Tumor. Das war ein Schock. Ich habe geweint, mir rasten tausend Fragen durch den Kopf: Warum habe ich überhaupt ein Kind, wenn ich jetzt sterbe? Wer schmeisst den Haushalt, wenn ich nicht mehr bin? Jetzt müssen wir doch noch einen Geschirrspüler kaufen! Wer macht künftig die Wäsche? Solche absurden Gedanken gingen mir durch den Kopf.

Der offensive Umgang mit Brustkrebs

Ich bin alternativen Methoden gegenüber sonst eher aufgeschlossen. Aber in diesem Augenblick wurde mir klar, dass «Chügeli» jetzt nicht mehr helfen würden und ich mich meiner Ärztin und der Hightech-Medizin anvertrauen würde, ohne Wenn und Aber. Mein Mann und ich sind dann vom Spital nach Hause gefahren. Ich hatte mich entschieden, offensiv mit der Diagnose umzugehen, erzählte es sofort allen. Meine Freundinnen liess ich den Krebs in der Brust ertasten, damit sie ihn erkennen, sollte bei ihnen auch so ein Knoten auftauchen. Und gegenüber meinem Arbeitgeber musste ich sowieso mit offenen Karten spielen: Da waren so viele Untersuchungen, so viele Arzttermine, da gab es nichts zu verstecken.

Die Relativierung der Krankheit

Ich begann sehr schnell, meinen Krebs zu relativieren: Ich habe eine HIV-positive Freundin, die ihr Leben lang Medikamente schlucken muss. Ein Freund sitzt im Rollstuhl, ein befreundetes Paar kann keine Kinder bekommen, andere finden keinen Partner – jeder trägt seine Bürde im Leben. Und meine ist der Krebs. Heute glaube ich, dass ich Glück im ganzen Unglück hatte: In anderen Ländern wäre ich nach kurzer Zeit tot gewesen, weil ich dort schlicht keinen Zugang zur Spitzenmedizin gehabt hätte. Wir ärgern uns zwar über die steigenden Krankenkassenprämien. Aber wenn du Krebs hast, bist du nur froh, dass unser Gesundheitssystem diese Kosten übernimmt. Aus der eigenen Tasche hätte ich die Behandlung niemals bezahlen können.

«Wer schmeisst den Haushalt, wenn ich nicht mehr bin?»
Harriet

Ja, und dann war der Tumor analysiert. Die Empfehlung: Entfernung der betroffenen Brust, danach Chemo- und Strahlentherapie. Ich musste keine Sekunde überlegen. Ich habe ganz kleine Brüste, hatte nie viel zum «Auspacken», also: weg mit der kranken Brust, bloss weg mit dem Tumor, raus aus meinem Körper damit! Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Entscheidung einer Frau mit grossen Brüsten, die vielleicht auch gerne Décolleté trägt, sehr, sehr schwerfällt.

Die Brutalität der Chemotherapie

Eine Woche nach der Diagnose wurde ich bereits operiert. Ganz ehrlich, die OP war nicht schlimm. Das sind ja nur Weichteile, keine Knochen oder Sehnen oder so. Wie ein Ohrläppchen. Der Eingriff hat nur eine halbe Stunde gedauert. Härter war die Chemotherapie danach. Ich fuhr einmal in der Woche ins Spital, wo sie mir das Medikament als Infusion in den Körper pumpten, drei, vier Stunden lang. Medikamente für Tausende Franken, jedes Mal.

Ich hatte insofern Glück, als mir nie wirklich übel wurde. Aber ich war erschlagen, total kaputt, ein halbes Jahr lang. Der Haushalt, das Kind zur Schule bringen, einkaufen: Das ging noch, mehr lag nicht drin. Meine Freundinnen und Kollegen meinten, dass ich jetzt lesen oder sonst Dinge zu Hause erledigen könne. Aber das war unmöglich. Ich kann es nicht wirklich erklären. Die Medikamente, die den Krebs zerstören sollten, haben mich vollkommen eingenommen.

Das Heulen bei der Psychologin

Ich ging regelmässig zur Physiotherapie und zur Psychoonkologin. Die Psychologin hat jeweils schon mit den Papiertaschentüchern gewartet. Das war grossartig, denn bei ihr konnte ich mich ausweinen. Daheim mit dem Kind konnte ich mir das nicht erlauben. In der Physio habe ich meine Haltung justiert: Wenn die Brust weg ist, nimmt der Körper automatisch eine Position ein, mit der er die verletzte Stelle zu schützen versucht. Man macht automatisch «zu». Das ist natürlich ungünstig für die Haltung des gesamten Körpers. Die Muskeln versteifen sich, die Gelenke schmerzen.

Mein Körperverständnis hat sich schon verändert: Ich bewege mich viel mehr als vor dem Krebs, gehe joggen, nehme Tanzunterricht, mache Pilates. Und ich lebe bewusster – das Leben an sich ist viel intensiver geworden. Krankheit als Chance? – Merci vielmal für den Brustkrebs! So habe ich ganz am Anfang reagiert. Aber es stimmt, der Krebs hat mich verändert. Ich habe mir sogar überlegt, ob ich die Ernährung umstellen sollte, aber es gibt ja keine Beweise, dass eine bestimmte Krebsdiät helfen würde. «Wenn Ernährung bei Brustkrebs tatsächlich so zentral wäre, müsste die Hälfte der Amerikaner an Krebs erkranken», sagte meine Ärztin. Abgesehen von einer genetischen Belastung sind kaum eindeutige Risiken bekannt. Einzig die Umwelt – Lärm, Stress, Gifte im Boden, im Wasser, in der Luft – hat offenbar einen Einfluss. Blöd ist nur, dass man nicht weiss, wie genau sich dieser Einfluss zeigt. Und das grösste bekannte Risiko können wir überhaupt nicht beeinflussen: das Alter.

So hatte ich also den Krebs vor fast acht Jahren besiegt.

Gesucht: Ihre Geschichte

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Die Rückkehr des Tumors

Und dann war er im letzten Jahr wieder da. Wieder kam ich ihm selber auf die Spur: Ich hatte Ohrenschmerzen, und meine Stimmbänder machten Probleme. Ich liess mich von einer Hals-Nasen-Ohren-Ärztin untersuchen. Als ich meinen früheren Krebs erwähnte, schickte sie mich sofort ins Spital. Wieder wurde ich in den Computertomografen geschoben. Wieder hiess die Diagnose Brustkrebs. Dieses Mal war er auf der anderen Seite herangewachsen und hatte auf einen Nerv gedrückt. Daher die Hals- und Ohrenschmerzen. Aber dieses Mal kam ich ohne OP davon.Der Fortschritt der Medizin

Klar bin ich erschrocken, als sich der Krebs nach acht Jahren wieder gemeldet hat. Aber das Grundgefühl war ein ganz anderes als beim ersten Mal. Hey, ich habe nach der ersten Behandlung sieben grossartige Jahre erleben dürfen, hatte keine Nebenwirkungen, fühlte mich gut, war geheilt! Die Medikamente haben sich in den acht Jahren unglaublich verbessert. Die sechs Monate Chemotherapie haben den Tumor vollständig aufgefressen und zerstört. Sogar auf die Bestrahlung konnte ich verzichten – das war total krass. Es ging mir während der Therapie viel besser als beim ersten Mal.

«Ich habe die Perücke gehasst. Es war, als trüge ich einen Plastiksack auf dem Kopf.»
Harriet

Manche behaupten, ich sei Weltmeisterin im Verdrängen. Das mag sein. Aber ich habe keine Lust, mich andauernd mit der Krankheit auseinanderzusetzen. Ich will leben, so gut es geht. Selbst wenn ich nur noch ein Jahr hätte, würde ich es geniessen wollen.

Das Kratzen der Perücke

Speziell waren die ganzen Beratungen, die neben der medizinischen Behandlung angeboten werden. Ich habe beim ersten Mal alles gemacht, was möglich war: Selbsthilfegruppe, psychoonkologische Beratungen, Physiotherapie, Kurse zur Stärkung des Selbstwertgefühls, Schminkkurse, alles. Manches hat mir sehr geholfen, anderes war nervig. So hatte man mir geraten, eine Perücke zu tragen, als die Haare ausgingen. Aber ich habe das Teil gehasst. Es war, als trüge ich einen Plastiksack auf dem Kopf. Das Ding hat gekratzt und ist dauernd verrutscht. Ich habe die Perücke schliesslich für eine Spendenaktion in Rumänien weggegeben und stattdessen ein Kopftuch getragen. Es war ja Winter, so hatte ich noch Glück mit der Jahreszeit.

Sorry, ich kann es nicht anders sagen: Es ist einfach Sch…, wenn die Haare ausgehen. Heute habe ich sogar Mitleid mit Männern, die unfreiwillig eine Glatze haben. Haare schützen nämlich super vor Kälte, vor der Sonne und vor Nässe. Das nimmt man erst wahr, wenn sie ausgehen. Bei uns Frauen kommt natürlich noch die ästhetische Komponente dazu. Es gehen ja nicht nur die Kopfhaare aus: Die Wimpern, die Augenbrauen, alles verlierst du. Manchmal habe ich mich wie ein Alien gefühlt, haarlos und vollgepumpt mit diesen aggressiven Medikamenten.

Das Starren im Tram

Bei der letzten Chemo verzichtete ich dann aber auf all die Beratungen. Vor allem die Selbsthilfegruppe war kein Thema mehr: Von den sieben Frauen, die ich vor acht Jahren kennengelernt hatte, waren nur noch drei am Leben. Das wollte ich mir nicht antun.

Ganz schlimm sind manche Menschen im Tram, vor allem die, die dich anstarren und sonst keine Reaktion zeigen, kein Zunicken, kein Lächeln, einfach dieses Anstarren. Dieses furchtbare unausgesprochene Mitleid ist grauenhaft! Dabei überleben mehr Frauen denn je den Brustkrebs! Am unerträglichsten aber waren vereinzelte Kommentare aus meinem Bekanntenkreis, die mir unterstellten, dass ich für die Krankheit selber verantwortlich sei. Dass ich also Krebs habe, weil ich so bin, wie ich bin. Von solchen Leuten habe ich mich distanziert. Aber es waren ja nicht viele – tant pis.

Vorsorgeuntersuchungen im KSB

Nach der Tastuntersuchung ist die Mammografie, die Röntgenuntersuchung der Brust, die nächste wichtige Abklärungsmöglichkeit. Alle Frauen im Alter über 50 Jahren sollten diese alle zwei Jahre durchführen lassen. Melden Sie sich dazu für die Brustsprechstunde am KSB an.






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