Der Aargauer Philosophiestudent Leonard Bregenzer

«Krankheiten können auch eine Chance sein»

Ob wegen einer leichten Verletzung oder einer schlimmen Krankheit: Wer im Spital liegt, ist nicht ganz gesund oder vielleicht gar todkrank. Welchen Sinn haben Krankheiten? Kann man schwer krank und trotzdem glücklich sein? Mit dem Aargauer Philosophiestudenten Leonard Bregenzer suchen wir nach Antworten auf diese Fragen.

Manche Beschwerden verschwinden ganz ohne Arztbesuch, die Selbstheilungskräfte des Körpers sind erstaunlich. Andere lassen sich durch einen ambulanten Eingriff im Nu beheben. Und dann gibt es Patienten, die sich schweren Operationen und langen, kräftezehrenden Therapien unterziehen müssen. Patienten, die viel Zeit im Spital verbringen, vielleicht gar die letzten Stunden ihres Lebens. Mit ihnen im Spitalbett: viele quälende Fragen. Warum bin ich krank? Weshalb trifft es mich? Wie lange habe ich noch zu leben? Schlüssige Antworten zu finden, ist schwierig. Aber darüber nachzudenken, kann Linderung verschaffen – nicht nur kranken, sondern gesunden Menschen. Der Philosophiestudent Leonard Bregenzer lässt uns an seinen Gedanken teilhaben.

Herr Bregenzer, in einem Spital werden verletzte oder kranke Menschen behandelt. Viele von ihnen hadern mit ihrem Schicksal und fragen sich, weshalb es gerade sie getroffen hat. Erkennt die Philosophie einen Sinn in der Krankheit?
Eine schwierige Frage. Eine schwere Krankheit kann eine Art Kontrastfunktion haben. Sobald man wieder gesund ist, realisiert man, wie gut es einem geht, wenn man wieder schmerzfrei und bei Kräften ist. In der ersten Zeit nach der Genesung wissen das viele Menschen zu schätzen, bevor wieder der gesunde Normalzustand eintritt, den wir gerne als selbstverständlich betrachten.

Leonard Bregenzer wohnt in Aarau und schliesst im Sommer sein Masterstudium in Philosophie an der Universität Luzern ab. Der 27-Jährige hat sich während des Studiums intensiv mit existenziellen Fragen beschäftigt. Mit dem Leben und mit dem Tod. Mit Krankheit und Wohlbefinden. Als 20-jähriger Maturand gewann er 2012 in Luzern die Bronzemedaille an der Schweizer Philosophie-Olympiade. Sein Thema damals: «Der Tod ist nichts, was uns betrifft».

Man sollte sich also glücklich schätzen, wenn man gesund ist. Weshalb gelingt das vielen Menschen nicht auf Dauer?
Mit dieser Frage haben sich viele Philosophen beschäftigt. Der Mensch scheint ganz allgemein sein Glück zu verkennen. Erst im Unglück wird ihm klar, wie gut es ihm vorher ging. Sobald das Leiden weg ist, befindet er sich wieder im Normalzustand. Leider ist ihm gar nicht bewusst, wie grossartig dieser Normalzustand eigentlich ist. Ich denke, dass man daran arbeiten kann, sein Glück wertzuschätzen. Das klappt, indem man sich immer wieder bewusst daran erinnert.

Nun gibt es viele Menschen, die krank im Spitalbett liegen oder eben erst eine schlimme Diagnose bekommen haben: Ist es überhaupt möglich, schwer krank und trotzdem glücklich zu sein?
Ich glaube, ja. Natürlich ist die Ausgangslage eine andere als bei gesunden Menschen. Die entscheidenden Fragen sind wohl: Was habe ich noch im Leben, um glücklich zu sein? Welche Möglichkeiten bleiben mir, und wie kann ich diese nutzen?

Vielen Menschen fällt es verständlicherweise nicht leicht, die eigene Situation zu akzeptieren und sich darauf einzustellen.
Niemand behauptet, das sei eine einfache Sache. Wer krank ist oder sich nicht mehr bewegen kann, ist eingeschränkt. Der gewohnte Alltag ist plötzlich weit weg. Die einfachsten Dinge, wie beispielsweise sich zu waschen, Freunde zu treffen oder zu kochen, werden plötzlich kompliziert oder gar unmöglich.

«Der Mensch scheint ganz allgemein sein Glück zu verkennen. Erst im Unglück wird ihm klar, wie gut es ihm vorher ging.»
Leonard Bregenzer

Eine Situation, in die man sich im gesunden Zustand kaum hineinversetzen kann. Trotzdem sollte man es in gesunden Tagen versuchen; so kann man, sollte es notwendig sein, vielleicht besser damit umgehen.

Ich soll mir also, selbst wenn ich gesund bin, Gedanken über mögliche Krankheiten machen?
Unbedingt. Wir sollten uns innerlich vorbereiten, um von einer Krisensituation zumindest nicht gänzlich überrascht zu werden. In den Schriften der antiken Philosophen finden wir viele Vergleiche, die von der Idee her immer noch aktuell sind: Der Soldat übt in Friedenszeiten, damit er im Ernstfall hoffentlich überlebt. Der Ringer trainiert, um im Kampf als Sieger hervorzugehen. Auch wenn ich nie ganz sicher sein kann: Wer sich vorbereitet und sich auch unangenehmeren Fragen stellt, kann im Notfall besser mit der veränderten Situation umgehen.

Sollte man nicht lieber einfach die guten Zeiten, den glücklichen Moment geniessen?
Natürlich sollte man nicht zwanghaft auf alle möglichen Krankheiten oder Unfälle fokussieren. Man sollte aber auch nicht mit einer allzu naiven Zuversicht durchs Leben gehen. Ein gesundes Mass an Reflexion ist förderlich. Die Balance ist entscheidend.

Lassen Sie uns über das Sterben und über den Tod sprechen: zwei Begriffe, die im gleichen Zusammenhang gebraucht werden, sich aber doch stark unterscheiden.
Das Sterben ist ein Prozess, der den letzten Abschnitt des Lebens beschreibt. Der Tod hingegen liegt per Definition ausserhalb des Lebens. Folgt man den philosophischen Überlegungen von Sokrates oder Epikur, existiert im Tod kein Bewusstsein mehr. Heute würde man sagen: Wenn keine Hirnfunktionen mehr nachweisbar sind, ist man tot, ist das Bewusstsein endgültig erloschen. Wer kein Bewusstsein mehr hat, hat auch keine Schmerzen mehr. Das kann beruhigen.
Aber es kann auch beunruhigen, weil man nicht weiss, was es denn genau heisst, dauerhaft kein Bewusstsein mehr zu haben. Das ist es wahrscheinlich, was uns im Tiefsten beunruhigt: die Tatsache, dass wir eben nicht wissen können, was danach kommt.

Viele Menschen fürchten sich aber auch vor dem Sterben. Ist diese Angst berechtigt?
Laut einer Umfrage wünschen sich die meisten Menschen, möglichst rasch zu sterben. Sie möchten sich Schmerz und Leid ersparen. Für mich ist das ein merkwürdiger Wunsch. Krank zu sein und einen Sterbeprozess durchzumachen, gibt einem Menschen auch die Möglichkeit, sein Leben zu einem guten Ende zu bringen.

«Was uns wohl im Tiefsten beunruhigt ist, nicht zu wissen, was nach dem Tod kommt.»
Leonard Bregenzer

Was möchte ich noch erledigen? Bei wem möchte ich mich entschuldigen? Was will ich der Welt hinterlassen? Wenn mir etwas Zeit bleibt vor dem Tod, habe ich einen gewissen Handlungsspielraum, um mein Leben bewusst abzuschliessen.

So können auch Angehörige, Freunde und Bekannte bewusst Abschied nehmen.
Genau. Wenn es gelingt, diese Chance zu packen, kann man vielleicht sogar einen Teil des Schmerzes kompensieren. Im Sinne von: Ja, ich habe Schmerzen; ja, ich werde sterben. Aber auch: Ja, es liegt in meiner Hand, den letzten Abschnitt meines Lebens sinnvoll zu nutzen und zu gestalten. Ein plötzlicher und überraschender Tod nimmt uns diese Möglichkeit.

Haben Sie selber Angst vor dem Tod?
Eher nicht. Natürlich hat der Gedanke daran etwas Gespenstisches, denn man muss sich mit etwas letztlich Unfassbarem auseinandersetzen. Der Tod anderer Menschen gibt mir mehr zu denken als mein eigener. Wenn ich tot bin, spielt mein eigener Tod keine Rolle mehr für mich.

Schwer krank, zu Tode betrübt: Was nun?

Wer an einer schweren Krankheit leidet, ist nicht nur starker körperlicher, sondern auch psychischer Belastung ausgesetzt. Am KSB gibt es verschiedene Anlaufstellen, wo Sie professionelle Hilfe erhalten und über Ihre Sorgen und Ängste sprechen können. Beispielsweise den Seelsorgedienst oder die Psychoonkologie, die sich mit der Verarbeitung und dem Umgang im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung befasst.






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