STV Baden: Gezielt gegen die Verletzungshexe

Tempo, Taktik, Tore: Handball ist eine attraktive Sportart. Kreuzband, Gelenke, Schultern: Die Verletzungsgefahr gross. Beim Nati-B-Team des Stadtturnvereins Baden ist die Verletztenliste in den letzten Jahren deutlich kürzer geworden – auch dank der Partnerschaft mit dem Kantonsspital Baden.

Patrick Schweizer holt einmal tief Luft: «Also. Nase gebrochen, Sehnenabriss im Ellenbogen, Muskelfaserriss, Prellungen, Mittelhand gebrochen, Finger ausgerenkt, Knochenabsplitterung, Fuss verknackst.» Kampfsportler? Nein, Handballer. Patrick spielt seit über zehn Jahren, seit drei Saisons ist er Kreisläufer beim STV Baden. «Meine Aufgabe ist es, die gegnerische Abwehr zu stören, damit meine Mitspieler freie Bahn aufs Tor haben.» Da wird geschubst, gestossen, gehalten. «Klar, hin und wieder bekommst du einen Ball oder einen Ellenbogen ins Gesicht, aber das gehört dazu», sagt der 23-Jährige, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Vollständigkeit halber: Diese gegnerischen Ellenbogen treffen selbstverständlich auch den Oberkörper, die Rippen, den Rücken und den Bauch. Also doch: Kampfsport Handball? «Irgendwie schon, aber gerade das fasziniert mich daran. Das Tempo, der Körperkontakt. Ich arbeite im Büro, für mich ist Handball der perfekte Ausgleich.»

«Die Finger renken sie sich selber wieder ein»

Eishockeyspieler seien echte Männer, Fussballer hingegen «Pussys», die sich ständig mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden wälzten. Etwa so lautete das bekannte Fazit eines Schweizer Musikers, der einst vor laufender TV-Kamera den Unterschied zwischen den Sportarten erklärte. Wie sieht`s bei den Handballern aus? «Die sind hart im Nehmen», schmunzelt Sportphysiotherapeutin Romina Bernasconi. Wie wahr: Manche renken sich während des Spiels einen ausgekugelten Finger selber wieder ein. Romina ist eine von vier Physiotherapeutinnen, die sich wöchentlich um die Handballer kümmern. «Die Spieler kommen sogleich auf uns zu, wenn sich ein körperliches Problem abzeichnet. Wir handeln also, bevor die Verletzung schwerwiegender wird und der Spieler ausfällt.» Wichtig sei auch, die Bewegungen der Spieler genau zu beobachten. «Ein Handballer ist auch während des Trainings voller Adrenalin und merkt vielleicht nicht, dass er sich nicht mehr ‹rund› bewegt. Wir machen ihn darauf aufmerksam und suchen dann nach der Ursache.»

Diagnose: Kreuzbandriss

Einer, der sich eben erst von einer Verletzung erholt hat, ist Philipp Wildi, Flügelspieler – wendig, sprungkräftig, trickreich. «Es passierte im Training letzten Sommer. Nach einer Körpertäuschung versuchte ich am Gegenspieler vorbeizukommen, sprang ab und verdrehte mir beim Landen das linke Knie.» Kreuzbandriss. Philipp blieb liegen, hatte grosse Schmerzen, und ihm wurde übel. Im Gegensatz zu seinem Bandscheibenvorfall, der eine Operation zur Folge hatte, muss ein Kreuzbandriss nicht zwingend operiert werden. Je nach Fall macht eine konservative Behandlung Sinn. «Bei mir hiess das: monatelange Physiotherapie mit einem gezielten Aufbautraining, um das Knie wieder zu stabilisieren.» Inzwischen steht Philipp wieder auf dem Spielfeld. Die körperliche Genesung ist das eine, wieder Vertrauen zu fassen ins Knie, das andere. «Auf dem Spielfeld darfst du nicht an deine Verletzungen denken, sonst kommt‘s nicht gut.»

Die häufigsten Verletzungen beim Handball

Handball zählt zu den unfallträchtigsten Sportarten. Eine internationale Studie zum Thema Verletzungen im Profi-Handball hat 2007 einige spannende Zahlen an den Tag gebracht. Pro Spiel gibt es durchschnittlich 1,5 Verletzungen. 80 % der Verletzungen passieren nach Körperkontakt mit dem Gegner, 20 % ohne gegnerische Einwirkung.

Athletiktraining: Neben dem Platz ist auf dem Platz

Die Nati-B-Handballer trainieren viermal wöchentlich, am Wochenende steht oft ein Spiel an. Bei dieser körperlichen Belastung ist nebst der physiotherapeutischen Betreuung auch der gezielte Kraftaufbau unverzichtbar. Jürgen Schreier vom Kantonsspital Baden trägt als Athletiktrainer des STV Baden einen wesentlichen Teil dazu bei, dass das Team inzwischen ohne grössere Verletzungen durch die Saison kommt. «Wir machen zweimal pro Woche ein dreiviertelstündiges Athletiktraining, wo wir den Fokus auf die Schwachstellen der Spieler legen. Es geht dabei vorwiegend darum, Verletzungen vorzubeugen», sagt Schreier (siehe auch Box unten). Die Zusammenarbeit zwischen dem STV Baden und dem Kantonsspital reicht noch weiter: Als Medical Partner steht das Bewegungszentrum des KSB den Handballern und weiteren Sportvereinen zur Seite und unterstützt die Sportler in der Prävention, der Rehabilitation und der Erstversorgung bei Verletzungen.

Auf dem Weg nach oben

Zurück zu den Handballern Patrick Schweizer und Philipp Wildi, die vor einigen Jahren bei den Elitejunioren gemeinsam Schweizer Meister wurden. Damals noch mit der U19-Mannschaft des TV Suhr. Bald soll ein weiterer Erfolg dazukommen: «Wir wollen aufsteigen!» Das Potenzial für die höchste Spielklasse sei vorhanden, sind sich Trainer, Sportchef und die Spieler einig. Es fehle aber noch an der spielerischen Konstanz und an der gewissen Kaltschnäuzigkeit, die eine Spitzenmannschaft eben ausmache. Daran kann man arbeiten. Wie auch weiterhin an der Physis der Mannschaft, um möglichst verletzungsfrei aufspielen zu können. Aber diesbezüglich sind die Weichen längst gestellt. Von der physiotherapeutischen und der athletischen Betreuung her ist der Klub bereits das, was er auch im sportlichen Bereich werden will: A-klassig.

Athletiktraining: Die Schwachstellen stärken

Jürgen Schreier vom KSB ist seit sechs Jahren Athletiktrainer des STV Baden. Auch dank seinen gezielten Trainingseinheiten hat sich die Verletzungsquote bei den Badener Handballern deutlich gesenkt.

Herr Schreier, wie laufen die Athletiktrainings unter Ihnen ab?

Die Trainings bestehen aus gemeinsamen und individuellen Teilen. Es gibt Übungen, die alle mitmachen, wie beispielsweise Ausfallschritte, Kniebeugen und Bankdrücken. Dann ist es wichtig, dass die Spieler ihre individuellen Schwachstellen trainieren, um muskulären oder chronischen Verletzungen vorzubeugen. Die Hauptfragen dabei sind stets die folgenden: Wie hoch darf die Intensität sein, damit sie vom Körper gerade noch toleriert wird? Haben die Strukturen genug Zeit, sich von der Belastung, sei es im Training oder im Spiel, zu erholen?

Welche Körperbereiche müssen dabei besonders gestärkt werden?

Der Rumpf und der Schulterbereich sind sehr wichtig, da die Handballer viele Wurfbewegungen machen. Bei den unteren Extremitäten geht es darum, die Explosivkraft, die Maximalkraft zu stärken. Denn die Beine müssen beim Handball viele Stop-and-go-Bewegungen aushalten, viele Richtungswechsel. Im Spiel selber gibt es viele unberechenbare Bewegungen, die man nicht wirklich trainieren kann. Aber man kann Voraussetzungen schaffen, um körperlich besser darauf vorbereitet zu sein.

Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Mannschaft?

Unfälle können immer passieren – zum Beispiel, wenn einer im Spiel umgestossen wird. Handball lebt vom Körperkontakt. Sobald du den Ball hast, «hängt» sich dir einer an und versucht dich zu stören. Aber der Zustand des Teams ist sehr gut. Spieler, die neu zur Mannschaft stossen, müssen jeweils erst behutsam ans körperliche Niveau der anderen herangeführt werden. Das zeigt, dass wir im Vergleich mit anderen Klubs auf einem guten Weg sind.

Das Kantonsspital Baden unterstützt den STV Baden als Medical Partner. Auch Nichtsportler profitieren im KSB MOVE, dem Bewegungszentrum des KSB, von umfassenden Trainings- und Therapieangeboten im Bereich Bewegung.

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