Anästhesie: Narkosen sind heute risikoarme Routineverfahren

Anästhesie: Im Schlaf durch die Operation

Narkosen sind heute risikoarme Routineverfahren, die genau auf die Patienten abgestimmt sind. Das war nicht immer so, wie ein Blick auf die bewegte Geschichte der relativ jungen Disziplin Anästhesie zeigt.

Ein Beruhigungsmittel, ein Narkosemittel über die Blutbahnen oder die Atemwege, wegdämmern: Wer sich heute einem ambulanten oder stationären Eingriff im Spital unterziehen muss, hat es vergleichsweise komfortabel. Von der eigentlichen Operation bekommt der Patient nichts mit, leiden während des Eingriffs muss er nicht. Das war nicht immer so: Blutungen, Infektionen, starke Schmerzen und eine hohe Sterblichkeit waren bis ins 19. Jahrhundert unabwendbare Begleiter eines chirurgischen Eingriffs. Eine Betäubung vor dem Schnitt gab es nicht. Nur starke Arme von Arztgehilfen, die den Patienten auf dem Operationstisch fixierten. Der beste Chirurg war denn auch jener, der am schnellsten arbeitete. Für operative Feinheiten blieb da keine Zeit.

Bescheidene Möglichkeiten zu Beginn

«Der Fortschritt in der operativen Medizin ist vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen: eine bessere Anästhesie und mehr Hygiene», sagt denn auch Professor Michael Heesen, Direktor des Departements Anästhesie und Chefarzt im KSB. Dabei ist die Anästhesie, die sich mit der Schmerzfreiheit und der temporären Aufhebung des Bewusstseins bei Operationen befasst, eine relativ junge medizinische Disziplin, die sich in Europa erst in den 1950er-Jahren als eigenständiges Fach- und Forschungsgebiet etablierte. Zuvor waren es meist Chirurgen, die das Leiden ihrer Patienten etwas lindern wollten. Etwa durch das Narkotikum Äther. «Ein furchtbares Mittel», urteilt Michael Heesen aus der heutigen Perspektive, «schlecht zu steuern und zu dosieren, und die Übelkeit danach war garantiert.» Ethische Richtlinien in der Medizin gab es Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht, einzelne Patienten erfuhren erst nach der Behandlung, was da an ihnen gerade ausprobiert worden war. Immerhin standen auch die Ärzte selbst nicht zurück: Selbstversuche und Tests an Kollegen führten zu neuen Erkenntnissen – und manchmal zu gehörigen Nachwirkungen.

Modernere Mittel der Anästhesie

Seit der ersten erfolgreichen Vollnarkose in den USA hat sich die Anästhesie komplett gewandelt. Michael Heesen nennt einen der Meilensteine: «Seit der Einführung des Tubus, also des Beatmungsschlauches, zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann der Sauerstoffanteil in der Narkosemischung reguliert und bei Bedarf erhöht werden. Dadurch kann etwa auch nur ein einzelner Lungenflügel ausreichend versorgt werden. Zudem können wir Muskelrelaxantien verwenden und so die Muskeln komplett entspannen.» Entscheidende Fortschritte gab es aber auch in jüngerer Zeit: Ab den 1990er-Jahren kommt die sogenannte Larynx- oder Kehlkopfmaske bei Narkosen zum Einsatz, ein Hilfsmittel, das sich seither vor allem bei kürzeren, ambulanten Behandlungen bewährt hat.

«Die Mittel sind für die Patienten heute viel besser verträglich und für die Ärzte deutlich besser steuerbar.»
Prof. Dr. Michael Heesen, Direktor Departement Anästhesie

Aber auch die modernen Narkosemittel sind nicht mehr mit dem früheren Äther vergleichbar. «Die Mittel sind für die Patienten heute viel besser verträglich und für die Ärzte deutlich besser steuerbar», erklärt Michael Heesen. Das heisst, der Anästhesiearzt kann eine Narkose schnell einwirken lassen, aber auch rasch wieder ausleiten – eine zentrale Voraussetzung für ambulante Eingriffe. Durch die vielen eingesetzten Verfahren wie Lokal- oder Regionalanästhesie und die individuelle Auswahl der Mittel lässt sich zudem jede Narkose genau auf den Patienten und die Art des geplanten Eingriffs abstimmen.

Patientensicherheit im Fokus

War früher schon eine mehr oder weniger weitgehende Schmerzfreiheit für die Patienten ein Fortschritt, geht es in Spitälern wie dem KSB heute vor allem um eines: «Die Patientensicherheit ist für uns zentral», sagt Michael Heesen. Die Pioniere der Anästhesie würden staunen, wenn sie einen Blick in moderne Operationssäle und auf die Apparaturen ihrer medizinischen Nachfolger werfen könnten: EKG-Geräte (Elektrokardiogramm) zeichnen die Herzfrequenz der Patienten auf, EEG-Geräte (Elektroenzephalografie) messen die Hirnströme, der Blutdruck wird genauso überwacht wie der Relaxierungszustand der Muskeln, der Atmungsdruck oder die Körpertemperatur. Checklisten und die kontinuierliche Weiterbildung der Mitarbeitenden komplettieren das Rundum-sicher-Programm für die Patienten.

Fortschritte bei der Anästhesie

Dazu kommt der bessere Patientenkomfort. «Viele ambulante Eingriffe wären nicht möglich ohne die grossen Fortschritte bei der Anästhesie», erklärt Michael Heesen. Durch verträglichere Mittel mit weniger Nebenwirkungen und eine genaue Schmerzmitteldosierung können die Patienten das Spital nach einem operativen Eingriff oft schon am gleichen Tag wieder verlassen. Möglich wird dies auch durch die Anästhesiesprechstunde vor der Operation, in der der Arzt mögliche Vorerkrankungen abfragt, um die Narkose anschliessend für jeden Patienten individuell zu planen und durchzuführen.

«Viele ambulante Eingriffe wären ohne die grossen Fortschritte bei der Anästhesie nicht möglich.»
Prof. Dr. Michael Heesen, Direktor Departement Anästhesie

Zwar sind die heute üblichen Anästhesieverfahren sehr sichere Routinevorgänge, und die Patienten wissen durch die vorgängige Aufklärung meist genau, was bei einer Narkose mit ihnen geschieht. Die Angst vor dem zeitweisen Kontrollverlust über seinen Organismus und vor dem bei jedem medizinischen Eingriff verbleibenden Restrisiko kann aber auch Michael Heesen nicht jedem Patienten vollständig nehmen. Beruhigen kann er sie aber alleweil: mit den Fakten aus 170 Jahren Anästhesiegeschichte und der Erfahrung von 12 000 Narkosen, die die Spezialisten am KSB jedes Jahr durchführen. Wegdämmern wird dann doch meist zu einer ziemlich entspannten Angelegenheit.

Fragen und Antworten zur Anästhesiegeschichte

Welche Schmerzmittel kamen in der frühen Medizingeschichte zum Einsatz?
Nieswurz als Narkosemittel

Vor der Entdeckung von modernen Narkosemitteln wurden vor allem Pflanzenextrakte zur Schmerzlinderung eingesetzt. So etwa Bilsenkraut, Nieswurz, Hanf oder Kokablätter. Angewendet wurde auch das Abbinden von Armen oder Beinen. Die Kompression der Halsschlagader führte zur Ohnmacht.

Wann wurde die erste erfolgreiche Vollnarkose durchgeführt?
1846 wurde die erste erfolgreiche Vollnarkose durchgeführt

Der 16. Oktober 1846 ging als «Äthertag von Boston» in die Medizingeschichte ein: Der amerikanische Zahnarzt William Thomas Green Morton betäubte einen Patienten durch Ätherdämpfe und entfernte ihm eine Geschwulst am Hals. Der Patient gab nach der Operation an, keine Erinnerung an den Eingriff und keine Schmerzen verspürt zu haben.

Wer hat die Spinalanästhesie entdeckt?
Beispiel Spinalanästhesie

Der Kieler Chirurg August Bier und sein Assistent August Hildebrandt führten 1898 in einem Versuch gegenseitig erfolgreich erste Spinalanästhesien durch. Sie injizierten sich dabei Kokain in die Nervenbahnen des Rückenmarks und notierten danach, auch «bei einem starken Schlag mit einem Eisenhammer gegen das Schienbein» keinen Schmerz zu empfinden.

Welche Teile des Nervensystems werden bei einer Narkose ausgeschaltet?
Zentralnervensystem

Durch eine Vollnarkose werden Teile des Zentralnervensystems gelähmt und so das Schmerzempfinden, das Bewusstsein, die Abwehrreflexe und die Muskelspannung vorübergehend ausgeschaltet.

Anästhesie am KSB

Erfahren Sie mehr über Anästhesieverfahren am KSB, die Anästhesiesprechstunde und Schmerztherapien.

Im Ambulanten Operationszentrum des KSB führen die Chirurgen ambulante Eingriffe aller Fachdisziplinen durch.






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