Eine Krebspatientin erhält eine Chemotherapie.

Coronavirus: Was Krebspatienten jetzt wissen müssen

Das Coronavirus bringt für Krebspatienten viele Unsicherheiten und Fragen mit sich: Wie beeinflusst COVID-19 die Krebstherapie und die Nachsorge? Clemens Caspar, Chefarzt Onkologie/Hämatologie und Leiter des Tumorzentrums am KSB, hat die Antworten.

Zum Interview begrüsst Clemens Caspar mit Mundschutz und bittet – selbstverständlich ohne Handschlag – an den noch vom Desinfektionsmittel glänzenden frisch gereinigten Tisch. Viele seiner Patienten seien verunsichert. Sein Team und er beantworten derzeit viele telefonische Anfragen und versuchen, Ängste zu nehmen. Zum Beispiel davor, sich während einer Krebstherapie im Spital mit dem Coronavirus anzustecken.

Herr Caspar, Krebspatienten zählen zur Risikogruppe und sollen möglichst zu Hause bleiben und soziale Kontakte meiden. Ist unter diesen Umständen eine Unterbrechung oder eine Verschiebung der Krebstherapie sinnvoll?

Clemens Caspar: Dies wäre eine ganz schlechte Option, da ein dreimonatiger Unterbruch das Therapieergebnis verschlechtert. Eine sogenannte adjuvante, sprich: eine unterstützende Therapie muss innerhalb einer bestimmten Zeit nach der Operation beginnen. Ansonsten nimmt ihre Wirksamkeit deutlich ab. Anders sieht dies zum Beispiel bei einem wenig aggressiven Lymphdrüsenkrebs aus. In solch einem Fall könnte man je nach Situation noch zwei, drei Monate abwarten.

Trotzdem beschleicht viele wahrscheinlich ein ungutes Gefühl, derzeit ein Spital zu betreten, das COVID-19-Patienten versorgt?

Ich nehme bei meinen Patienten eine gewisse Unsicherheit und Respekt wahr, aber keine Panik. Das Ansteckungsrisiko erachte ich bei uns in der Onkologie als relativ gering. Wir desinfizieren alle Oberflächen vor und nach jedem Patienten, tragen selbstverständlich Masken, halten so gut es geht Distanz und desinfizieren uns gründlich. Wir halten den Schutz also extrem hoch. Ausserdem kommt es im Spital durch das Ausbleiben der Besucher zu einem wesentlich geringeren Personenaufkommen. Was man allerdings ernst nehmen sollte, ist das Risiko, sich auf dem Weg hierher anzustecken, zum Beispiel im ÖV. Wenn es irgendwie möglich ist, sollte man selbst fahren oder sich fahren lassen.

Können bestimmte Vorsorge- und Nachsorgeuntersuchungen aufgrund von COVID-19 verschoben werden?

Wenn man einen fraglichen Befund engmaschig kontrollieren muss, ist es nicht möglich, diesen Termin um drei Monate zu verschieben. Beispielsweise bei einem Patienten nach einer Hodenkrebsoperation, der noch keine Chemotherapie bekommt. Bei diesem muss alle zwei bis drei Monate im Ultraschall oder CT kontrolliert werden, ob eine Chemotherapie induziert wäre. In so einem Fall kann man nicht warten, da müssen die Intervalle der Kontrollen im richtigen Timing erfolgen. Das Gleiche gilt für dringende Nachsorgeuntersuchungen, die wir weiterhin durchführen. Krebs ist gefährlicher als COVID-19. Routinemässige Kontrollen bei bisher unauffälligen Patienten können hingegen verschoben werden. So darf eine alle fünf Jahre durchzuführende Darmspiegelung oder eine Mammographie drei Monate später stattfinden. Bei Unsicherheiten sollte man immer mit seinem Arzt Rücksprache halten.

Und wenn jemand bei sich einen Knoten in der Achsel, Leiste oder Brust ertastet? 

Auch dann sollte man sich selbstverständlich schnellstmöglich bei seinem Arzt melden.

«Patienten mit einer aktiven Krebserkrankung sind nun besonders gefährdet.»
Clemens Caspar

Das KSB-MOVE ist gesperrt. Was bedeutet dies für die Krebspatienten und ihre Physiotherapien?  

Ein Teil des Fitnessbereichs MOVE ist heruntergefahren, aber für die stationären Patienten werden weiterhin Einzeltherapien durchgeführt. Ambulante Patienten sollten am besten telefonisch Rücksprache mit ihrem Physiotherapeuten halten. Sie werden dann telefonisch beraten und angeleitet, sodass sie Übungen auch zu Hause durchführen können.

Können sich Krebspatienten über die bisher bekannten BAG-Empfehlungen hinaus schützen, zum Beispiel durch eine Pneumokokken-Impfung?

Grundsätzlich schützt die Pneumokokken-Impfung vor Pneumokokken und nicht vor COVID-19. Bei den intubierten COVID-19-Patienten sind es entsprechend nicht die Pneumokokken, die zu den Problemen führen. Es sind andere Problemkeime. Gerade bei Personen, die sich derzeit einer Chemotherapie unterziehen, ist die Immunantwort geschwächt und eine Impfung deshalb fallweise zu besprechen. Eine Pneumokokken-Impfung wird nur noch für Risikogruppen und nicht mehr generell empfohlen.

Welche Krebspatienten sind in Zeiten von COVID-19 besonders gefährdet?

Besonders die Patienten mit aktiver Krebserkrankung, bei der also ein präsenter Tumor weiterwächst, oder jene unter immununterdrückender Therapie. Also auch solche mit einer adjuvanten Chemotherapie, die bis zu sechs Monate zurückliegt. Darüber hinaus sind wahrscheinlich auch Patienten mit grösserer Bestrahlung im Lungenbereich besonders gefährdet. Das bedeutet für diese Patientengruppen, dass sie die BAG-Empfehlungen strikt einhalten sollen. Sprich: dass sie keinen Kontakt zu Menschen ausserhalb ihres Haushaltes haben und jemanden organisieren, der für sie den Einkauf übernimmt und die Einkäufe vor die Tür stellt.

«Es ist wichtig, dass Sie auch in der Isolation weiterhin mit Ihrem Umfeld in Kontakt treten.»
Clemens Caspar

Wie kann sich ein Krebspatient schützen, dessen Partnerin in einem Pflegeberuf oder im Detailhandel und nicht im Home Office arbeiten kann?

Es gibt leider noch keine Gesetzesgrundlage, Angehörige besonders gefährdeter Risikogruppen aus dem Arbeitsprozess herauszuhalten. Dabei sind Krebspatienten, die sich unmittelbar nach einer Hochdosistherapie zu Hause gemeinsam mit auswärts arbeitenden Familienmitgliedern aufhalten, gefährdet. Denn sie verfügen zu diesem Zeitpunkt über ein schwaches Immunsystem. In solchen Fällen ist es ratsam, Gespräche mit dem Arbeitgeber des Familienmitglieds zu suchen. Und wenn kein Home Office möglich ist, sollte man schauen, dass die auswärts arbeitende Person sich konsequent schützt durch Distanzhalten und Händewaschen.

Bei all den zusätzlichen Herausforderungen und Einschränkungen durch das Coronavirus: Was raten Sie Patienten, damit sie psychisch stabil durch diese Zeit kommen?

Wir befinden uns momentan in einer sehr schwierigen Situation. Aber auch diese Zeit wird vorbeigehen, und wir können uns selbst schützen. Es ist wichtig, dass Sie auch in der Isolation weiterhin mit Ihrem Umfeld in Kontakt treten. Wir haben heute sehr gute elektronische Möglichkeiten dafür. Nutzen Sie diese, chatten Sie, telefonieren Sie. Auch darf man weiterhin hinausgehen. Sie sollten dies allerdings unter Beachtung der zwei Meter Distanz zu anderen Menschen tun und deshalb möglichst allein und zu Randzeiten das Haus verlassen. Tun Sie sich, wann immer möglich, etwas Gutes und tragen Sie Sorge zu sich.

Das Tumorzentrum am KSB

Haben Sie weitere Fragen, oder haben Sie einen Knoten in der Leiste, Brust oder Achsel aufgespürt? Nehmen Sie Kontakt mit dem Tumorzentrum auf: tumorzentrum@ksb.ch. Im Tumorzentrum des KSB arbeiten Fachspezialisten der Krebsbehandlung zusammen, um ein optimales Angebot in Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge anbieten zu können. Erfahren Sie mehr über das Tumorzentrum.

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