Gipsen: Bild von eingegipstem Fuss

Knochen gebrochen? Hier gibt’s den Gips

Ob Frakturen oder andere Verletzungen des Bewegungsapparats: Das Gipszimmer des KSB behandelt jährlich etwa 6000 Patienten. Weshalb der Begriff «Gips» genau genommen gar nicht passt und was Legomännchen mit gebrochenen Knochen zu tun haben, erfahren Sie hier.

«Blöd gelaufen trifft es oft am besten», sagt Nicole Andres, die Teamleiterin des Gipszimmers, auf die Frage, weshalb sich Menschen ihre Knochen am häufigsten brechen. Die Palette reicht vom vermeintlich harmlosen Sturz über den Auto- oder Arbeitsunfall bis zum Freizeitmissgeschick. «Bei den Kindern können das beispielsweise Trampolinunfälle sein oder Stürze mit diesen ‹Heelys›, die vor einigen Jahren auf den Markt kamen.» Schuhe mit integrierten kleinen Rollen, mit denen die Kids wahlweise laufen oder eben auch rollen – spassig, aber eben auch gefährlich. Und wann ist Hochsaison im Gipszimmer? Im Winter, wenn es die Leute auf die Pisten zieht? «Das kann man so nicht sagen. Es gibt das ganze Jahr durch Aktivitäten, bei denen man sich etwas brechen kann. In den warmen Jahreszeiten sind es dann halt eher Velo- oder Trottinettunfälle.»

«Manchmal haben wir nur zehn Patienten, an anderen Tagen ‹räblets›, und wir gipsen bis zu vierzig Leute.»
Nicole Andres

Flexibel arbeiten, zuverlässig fixieren

So zufällig oder unvorhergesehen sich jemand einen Knochenbruch zuzieht, so flexibel arbeitet das Fachpersonal im Gipszimmer. Denn die meisten Patienten kommen ungeplant. Also nach ihrem Unfall direkt vom Notfall oder vom Hausarzt zugewiesen. Andere Patienten bekommen einen Termin, um ihren Gips entfernen oder erneuern zu lassen. «Manchmal haben wir nur zehn Patienten, an anderen Tagen ‹räblets›, und wir gipsen bis zu vierzig Leute», sagt Nicole Andres. Wobei die Begriffe «Gips» und «gipsen» eigentlich gar nicht wirklich zutreffen. Denn der klassische Weissgips hat am KSB längst ausgedient. Der Fiberglas-Stützverband ebenfalls. «Wir sprechen trotzdem vom Gipsen, damit sich die Patienten etwas darunter vorstellen können.»

Unser Skelett: Verblüffend, statt knochentrocken

Ein menschliches Skelett besteht durchschnittlich aus etwa 200 Knochen. Der grösste Knochen ist der Oberschenkelknochen, der kleinste ist der Steigbügel im Ohr. Der stärkste Knochen befindet sich ebenfalls im Ohr. Das Felsenbein ist nur wenige Gramm schwer, ummantelt das Innenohr und schützt so die wichtigen Hör- und Gleichgewichtsorgane.

Auch wenn Knochen brechen können: Das Knochengewebe ist robuster als Stahl und Beton. Die Knochen junger Menschen sind flexibler und brechen am ehesten bei Sportunfällen oder starker äusserer Gewalt. Bei älteren Menschen ist die Osteoporose eine der Hauptursachen, weshalb Knochen brechen.

Gebrochene Knochen verheilen bei Kindern schneller als bei Erwachsenen. Bricht sich ein zwölfjähriges Kind den Arm, dauert es etwa vier Wochen, bis der Bruch verheilt ist. Bei einer erwachsenen Person dauert es doppelt so lange, weil sich der Selbstheilungsprozess mit zunehmendem Alter verlangsamt.

Gips? Warum «verharzen» eigentlich besser passt

Das KSB verwendet funktionelle Stützverbände aus Kunststoffmaterial. Modernes Polyestergewebe, das mit einem wasseraktivierbaren Polyurethanharz getränkt ist. Dieses verhärtet sich in Kombination mit der Luftfeuchtigkeit und wird fest. «Die Verbände aus Polyurethanharz können nicht brechen, maximal knicken», erklärt Nicole Andres. Und: «Verglichen mit Weissgips sind sie viel flexibler und trotzdem sehr stabil. Das hat den Vorteil, dass sich die Muskeln besser entfalten können und sich dadurch weniger stark zurückbilden.» Weitere Vorteile: Das Material ist vollkommen röntgen- und luftdurchlässig. «Viele Pluspunkte, die für unsere Methode sprechen. Allerdings: Ein Stützverband erfüllt seinen Zweck dann am besten, wenn sich der Patient auch sorgfältig an die Anweisungen hält.» Einige Gips-Tipps finden Sie in der entsprechenden Broschüre. Denn dass beispielsweise Patienten mit gebrochenem Handgelenk Kisten schleppten, komme durchaus vor, sei aber eben nicht zu empfehlen, sagt Nicole Andres.

Wie ein Stützverband aufgebaut ist

«Anhand der Diagnose entscheiden wir, welche der dreissig verschiedenen Gipsarten die Verletzung optimal versorgt», sagt Nicole Andres. Dann wird der Bruch, sofern er verschoben ist, zusammen mit einem Arzt gerichtet. Die Patienten bekommen dabei Schmerzmittel. Das gebrochene Glied wird dann mit einem Strumpf überzogen und an den empfindlichen Stellen gepolstert. Dann wickeln die Gipser die Kunstharzbandagen um die betroffene Extremität. Nicole Andres vergleicht den fertigen Gips mit einer vollen PET-Flasche. «Eine volle Flasche lässt sich zwar nicht knicken, ist aber trotzdem flexibel.» Aufs Gipsen übertragen bedeutet das, dass ein Gips eng anliegen und die entsprechende Stelle wie angegossen umhüllen sollte. «Wichtig ist, dass man den Gips neu anpasst, sobald die Schwellung nach dem Bruch abgeklungen ist.»
Einen Gips anbringen dauert zwischen fünfzehn Minuten und zwei Stunden. «Einfache Brüche beispielsweise an der Hand sind schnell eingegipst. Vollkontaktgipse, bei denen die Belastung gleichmässig auf den ganzen Fuss verteilt werden muss und/oder Wundbereiche entlastet werden müssen, dauern einiges länger.»

«Anhand der Diagnose entscheiden wir, welche der dreissig verschiedenen Gipsarten die Verletzung optimal versorgt.»
Nicole Andres

Wer und was am meisten gegipst wird

Von Neugeborenen mit Klumpfüsschen bis zu Senioren mit Hüftluxationen: Ins Gipszimmer kommen Patienten jeden Alters. «Grob gesagt geht es oft um die Unterschenkel oder die Vorderarme. Unten sind es häufig Knöchel- oder Mittelfussbrüche. An den Armen gibt es viele Brüche in der Nähe des Handgelenks», sagt Nicole Andres. Nebst Menschen, die wegen einer chronischen Krankheit immer wieder Gipse benötigen, gibt’s auch Pechvögel, die sich öfters etwas brechen. «Es gab mal eine Familie mit vier Kindern, von denen sich im Halbjahrestakt eines irgendetwas gebrochen hat.»
Apropos Kinder: Es komme vor, dass man beim Entfernen eines Gipses auf unerwartete Dinge stosse, beispielsweise auf verschollene Legomännchen. «Das klingt witzig, ist aber problematisch, weil solche Gegenstände aufgrund des Drucks wunde Stellen hinterlassen.» Deshalb sollte man sich nichts in den Gips schieben, auch nicht, um sich zu kratzen, wenn es juckt. Keine Legomännchen, keine Stricknadeln, keine Bleistifte – denn auch hier ist die Palette breit …

Gipsen: Ein Fuss wird eingegipst

Erste Hilfe bei Knochenbrüchen

Das Gipszimmer des Kantonsspitals Baden ist dem Interdisziplinären Notfallzentrum (INZ) angegliedert. Zum Angebot gehören die weiterführende Behandlung und die Nachkontrolle von Verletzungen des Bewegungsapparats.






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