Musiktherapie: Renate Nussberger spielt einer schwangeren Patientin auf der Harfe vor.

Musiktherapie: Die Kraft der Klänge

Über Musikgeschmack lässt sich streiten. Über die Wirkung, die Musik auf den Körper und die Psyche haben kann, nicht. Renate Nussberger, Musiktherapeutin am KSB, über die Kraft der Klänge und die Grenzen von Musik.

Nein, Klänge ersetzen keine Chirurgen, Rhythmen keine Röntgenbilder, kurzum: Musik heilt keine Menschen. Trotzdem hat die Musiktherapie am Kantonsspital Baden eine ganz besondere Bedeutung. Denn als ergänzende Therapieform kann sie positiv auf Körper und Geist eines Menschen einwirken. Von der Neonatologie bis zur Palliativstation – vom ersten bis zum letzten Takt. Was steckt dahinter?

Frau Nussberger, immer mehr Spitäler setzen auf Musiktherapie als ergänzende Therapieform. Was genau kann denn Musik?

Musik schafft Orientierung, sie entlastet uns auf emotionaler Ebene. Musik berührt uns Menschen. Sie setzt Ressourcen frei in Körper und Geist, und dadurch hilft sie auch, uns zu regulieren.

Wie funktioniert das genau?

Wenn wir Musik hören, sind sehr viele Areale des Gehirns stimuliert. Es ist musikmedizinisch nachgewiesen, dass sich Klänge und Rhythmen beispielsweise auf den Blutdruck, auf den Sauerstoffgehalt im Blut oder auf die Hormonausschüttung auswirken. Bei angenehmer Musik wird beispielsweise das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet. Musik hat also viele Wirkungsfaktoren. Sei es über den Klang, die Form, den Rhythmus oder die Vibrationen. Bereits im Mutterleib nimmt ein Ungeborenes schon sehr früh Geräusche und Rhythmen wahr. Klang und Rhythmus ordnen uns den Raum und die Zeit und geben uns dadurch Orientierung.

Geben Sie uns ein Beispiel!

Ein Neugeborenes fühlt sich oft auf der Brust der Mutter oder vielleicht auch des Vaters am wohlsten. So spürt und hört es neben dem Körperkontakt den Takt des Herzschlags und die Elternstimmen sehr gut, was eben beruhigend wirkt. Rund um den Globus beruhigen Eltern ihre Kinder mit Wiegenliedern. Der Sechsachteltakt wirkt auf uns beruhigend, da er ebenfalls an den Herzrhythmus erinnert.

Welche Musik passt zu welchen Patienten?

In der Neonatologie beispielsweise ist ruhige Musik gefragt. Die Babys dort sind intensiven Reizen ausgesetzt, es gibt viele Raumgeräusche, viel Betrieb und wenig Ruhe. Deshalb ist es wichtig, den Neugeborenen eine Konstante zu geben, etwas Ruhe. Das schafft die Musiktherapie mit Singen, warmen Klängen, mit ruhigem Sprechen. Die Babys entspannen sich dadurch, kriegen auf eine sanfte Art Orientierung, was ihnen wiederum hilft, die Nervenzellen im Hirn zu vernetzen. Auf der Neonatologie sind zudem die Stimmen der Eltern sehr wichtig. Wir arbeiten deshalb auch mit Elternstimmen ab Band, um die Trennungszeiten zu überbrücken und dem Kind die gewohnten, bindungsfördernden Reize auch akustisch anzubieten.

Welche Klänge spielen Sie auf der Palliativstation?

Schwerkranke Patienten sehnen sich meist ebenfalls nach ruhigen Klängen. Ich spiele dann das Instrument ihrer Wahl ganz situativ auf sie abgestimmt. Manchmal passt aber auch fröhliche Musik, oder wir hören oder spielen gemeinsam ein rockiges Lieblingsstück des Patienten. Selbst auf einfach zu spielenden Instrumenten zu musizieren, kann für Patienten hilfreich sein, wenn viele normale Tätigkeiten eingeschränkt sind. Auch gemeinsames Singen mit Angehörigen tut oft gut.

Welche Instrumente kommen dabei zum Einsatz?

Saiteninstrumente wie Harfe, Gitarre, Cello oder ganz einfach die Singstimme werden oft gewünscht. Warme, feine Klänge tun uns gut. Aber auch Flöten, Windspiel, Klangstäbe oder Rhythmusinstrumente sind hilfreich. Die Körpertambura beispielsweise legt man auf den Bauch, sodass die Patienten nebst dem Klang auch die Vibrationen im eigenen Körper wahrnehmen. Die Tiefenentspannung, die dabei über die Körperzellen entsteht, wirkt oft sogar schmerzmindernd. Es ist besonders für schwerkranke Patienten ein wichtiges Erlebnis, den Körper auf so positive Art zu spüren.

In diesem Fall kann ich als Patient auch selber mitspielen. Muss ich musikalische Vorkenntnisse mitbringen?

Überhaupt nicht. Wer mitspielen will, der kann das gerne tun. Ansonsten setze ich mich neben das Patientenbett und spiele genau das, was dem Patienten guttut. Mitmachen können die Patienten aber auch über die Atmung. Atmungsübungen sind wertvoll für die emotionale und physische Regulation.

Musikalisches Fenster am KSB

Das Musikalische Fenster ist eine Konzertreihe auf der Palliativstation des Kantonsspitals Baden und findet jeweils am ersten Dienstag im Monat zwischen 18.30 und 19 Uhr statt. Unterschiedliche Musikschaffende spielen eine halbe Stunde lang ihre Musik und unterhalten so Patienten, Angehörige und auch die KSB-Mitarbeitenden. Ohne Eintritt, mitten im Betrieb und finanziert durch Spenden.

Kontonummer: 0625.988.2002
IBAN: CH43 00 76 1062 5988 22002
Clearing-Nummer: 761
Postkonto: 50-6-9
SWIFT/BIC: KBAGCH22

Wie reagieren die Patienten auf die Musiktherapie?

Die meisten sind ganz einfach dankbar für dieses Therapieangebot. Manche sind anfänglich skeptisch und dann überrascht, was Musik alles bewirken kann. Es gibt aber auch Patienten, die sich nicht darauf einlassen können, was auch in Ordnung ist. Für mich ist es wichtig, nochmals zu betonen, dass Musiktherapie immer Rücksicht nimmt auf die individuelle Situation eines Menschen. Es gibt Patienten, die in spannungsvollen Situationen sind, erschöpfte Patienten, solche, die Angst haben und sich im Ungewissen befinden. Das Ziel ist es, diese Angst zu regulieren, sich zu entspannen – körperlich und psychisch – und Ressourcen zu finden und zu stärken.

Was sagen Sie zu kritischen Stimmen, die solche Musiktherapien eher der Abteilung «Hokuspokus» zuordnen?

Einige sehen die Musiktherapie tatsächlich eher in der esoterischen Ecke. Ich betone immer, dass Musik keine Krankheiten heilen kann, aber positive Regulationen unterstützen kann, die immer relevant sind. Meine Empfehlung ist, sich einmal darauf einzulassen und das hohe Potenzial der Musik am eigenen Körper und Geist zu erleben.

Musiktherapie am KSB

Finden Sie weitere Informationen über die Musiktherapie auf der Pränatalstation, der Neonatologie und Palliativstation.






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