Chirurgen operieren mit dem Operationsroboter Da Vinci

«Mit dem Da Vinci überwinden wir Grenzen»

In der Spitzenchirurgie gehören roboterunterstützte Operationsmethoden zum Standard – auch im KSB. Bei den Patienten geniessen innovative Systeme wie Da Vinci hohe Akzeptanz – Prof. Dr. Martin Heubner und Dr. Kurt Lehmann, Chefärzte für Gynäkologie und Urologie berichten.

Das KSB hat seit Mai 2017 einen Da-Vinci-Operationsroboter der jüngsten Generation in Betrieb. Weshalb wurde dieses System angeschafft?

Prof. Dr. Martin Heubner: Das System bringt zahlreiche Vorteile für die Patienten und die Behandlung. Dank dem Da-Vinci-Roboter können heute auch hochkomplexe und lange dauernde Operationen minimalinvasiv durchgeführt werden. Früher wären dafür offene Bauchoperationen nötig gewesen.

Dr. Kurt Lehmann: Bei grösseren Eingriffen in der Urologie ist die roboterunterstützte Arbeitsweise schon fast zu einem Standard geworden. Für ein Spital wie das KSB, das eine topmoderne Infrastruktur anbietet, ist ein solcher Roboter heute ein Muss, um seine Stellung im Wettbewerb der Spitäler behaupten zu können.

Was ändert sich für den Patienten bei einer Operation mit dem roboterunterstützten System Da Vinci Xi?

Lehmann: Die Patienten haben hohe Erwartungen und sind oft überzeugt, dass technische Systeme wie der Da Vinci auf jeden Fall besser sind als herkömmliche Methoden. Das ist allerdings nicht immer so. Denn entscheidend ist immer noch der Arzt, der das Gerät steuert. Was aber auch mich als Arzt beeindruckt, ist, dass die Patienten die Eingriffe mit dem Da Vinci sehr gut verkraften und oft rasch wieder fit sind. Die schnelle Genesung mag auch dazu beitragen, dass die Patienten die Operation psychisch besser verkraften.

Gibt es signifikante Verbesserungen hinsichtlich Präzision in der Ausführung und Blutverlust?

Heubner: Ja. Der geringere Blutverlust ist ein Zeichen für die Präzision des Systems. Dies ist vor allem bei Tumorerkrankungen wichtig. Zudem sind die Bewegungsspielräume der Instrumente im Vergleich zur klassischen Technik deutlich grösser. Als Operateur habe ich dank der integrierten Kamera eine erheblich bessere Sicht im Bauchraum. Ich kann so sehr nahe an die zu behandelnden Stellen heranfahren. Dadurch erkenne ich die Strukturen, die ich entfernen muss, und jene, die ich erhalten muss, sehr genau. Das ist in der Gynäkologie etwa bei Operationen zum Gebärmutterhalskrebs wichtig, wo es darum geht, Nervenbahnen zu erhalten, um spätere Komplikationen bei der Motorik der Blase zu minimieren.

Lehmann: Die starke Vergrösserung durch die Kamera ist auch in der Urologie eine grosse Hilfe für den Operateur. Etwa wenn es darum geht, einen Harnleiter zusammenzunähen. Das wäre früher in dieser Präzision nicht möglich gewesen.

Dr. Kurt Lehmann steht neben dem Operationsroboter Da Vinci.

Dr. Kurt Lehmann, Chefarzt der Urologie, ist überzeugt, dass man Eingriffe mit dem Da VInci schonender durchführen kann.

In Fachkreisen werden der Einsatz von Operationsrobotern wie dem Da Vinci und der Nutzen für die Patienten im Vergleich zu herkömmlichen Methoden teilweise auch kritisch hinterfragt.

Heubner: Die Frage ist, ob das Da-Vinci-System entscheidende Vorteile bringt gegenüber der klassischen Laparoskopie (Bauchspiegelung), bei der die Zugänge ähnlich sind. Aus meiner Sicht sind die Vorteile offensichtlich. Die verschiedenen Veröffentlichungen und Studien müssen zudem mit Vorsicht aufgenommen werden, da sie immer abhängig sind von den untersuchten Fällen und den Erfahrungen der publizierenden Fachleute. Für mich sind die Qualitäten des Operateurs immer noch entscheidender als das Verfahren, mit dem eine Operation durchgeführt wird.

Lehmann: Die Vorteile des Da-Vinci-Roboters zeigen sich bei Eingriffen an der Niere ganz klar. Bei einer herkömmlichen offenen Operation muss relativ viel Bauchwandgewebe durchtrennt werden, was später zu Nebenwirkungen und Komplikationen führen kann. Mit dem Da Vinci ist dies nicht der Fall, wir können Operationen viel eleganter und schonender durchführen.

Urologie und Gynäkologie gelten als Paradedisziplinen für den Einsatz von Da-Vinci-Robotern. Wieso kommt das System vor allem in diesen Bereichen zum Einsatz?

Lehmann: Die erste Generation der Da-Vinci-Systeme war vor allem für Operationen an der Prostata prädestiniert, da diese weit unten im Körper positioniert und nur schwer zugänglich ist. Deshalb kam dieses System auch zuerst in der Urologie zum Einsatz. Die neueste Generation des Operationsroboters, wie er am KSB im Einsatz ist, ist viel flexibler und erlaubt eine grössere Beweglichkeit der Instrumente. Deshalb ist er für weitere Fachrichtungen geeignet.

Heubner: Urologie wie Gynäkologie haben eine lange Tradition der minimalinvasiven Eingriffe. Der Da-Vinci-Roboter erlaubt es heute, die Grenzen, die das klassische Verfahren hat, sukzessive auszudehnen und zu überwinden.

Stellt der Da-Vinci-Roboter mittlerweile ein Entscheidungskriterium dar, ob ein Patient sich in die Obhut des KSB begibt?

Heubner: Ja, davon bin ich überzeugt. Die Leute haben heute ein grosses Vertrauen in den technischen Fortschritt. Wie auch in anderen Lebensbereichen sehen die Patienten bei der Medizin vor allem die Vorteile, welche technische Systeme bringen können.

Lehmann: Wir haben schon lange sehr moderne Verfahren und Technologien im Bereich der Abklärung und der organerhaltenden Therapie. Nun können wir mit dem Da-Vinci-System auch im operativen Bereich einen topmodernen Service bieten. Das ist für viele Patienten sicher ein wichtiges Kriterium für die Spitalwahl.

Prof. Dr. Martin Heubner im Gespräch mit einer Patientin.

Für Prof. Dr. Martin Heubner ist trotz des technologischen Fortschritts die Qualität des Operateurs entscheidend.

Welche Herausforderungen hat die Umschulung auf das Da-Vinci-Operationssystem an Sie persönlich gestellt?

Lehmann: Natürlich muss ein Arzt das neue System zuerst kennenlernen und den Umgang damit üben. Dafür gibt es Simulationsgeräte, an denen wir ausgebildet wurden. Wie bei jeder Operationsmethode kann ein Arzt mit zunehmender Erfahrung seine Leistung steigern.

Nicht der Roboter selbst operiert, sondern immer der Arzt mithilfe des Roboters. Was bedeutet dies für den praktizierenden Chirurgen?

Heubner: Bei klassischen Laparoskopien müssen die Ärzte mit Instrumenten agieren, die fast einen halben Meter lang sind. Dabei müssen teilweise ziemlich starke Verrenkungen gemacht werden, was sich zwangsläufig auf die Präzision auswirkt, insbesondere bei lang dauernden Operationen. Die Ergonomie des Operateurs ist beim Einsatz des Da Vinci dagegen klar besser. Auch in schlecht erreichbaren Regionen des Bauchraums habe ich dadurch eine erheblich bessere Arbeitsposition, die für den Erfolg der Operation mitentscheidend ist. Gewöhnungsbedürftig ist sicher, dass ich durch das indirekte Verfahren kein unmittelbares Feedback mehr habe, also keine Taktilität und kein Gefühl für das Gewebe. Kompensiert wird dies jedoch durch die extrem gute, dreidimensionale Sicht.

Operationsroboter sind äusserst kostspielig. Ergibt die Anschaffung betriebswirtschaftlich trotzdem Sinn?

Lehmann: Nur für einen Bereich wie die Urologie alleine wäre ein solches System nicht rentabel. Nimmt man aber die Potenziale weiterer Disziplinen wie der Gynäkologie und der Viszeralchirurgie dazu, ergibt die Anschaffung Sinn. Bisher haben wir die erwartete Anzahl Eingriffe nicht nur erreicht, sondern übertroffen.

Heubner: Zunächst muss eine solche Anschaffung medizinisch sinnvoll sein. Ist ein Spital durch die verfügbaren Geräte und Systeme für Patienten attraktiv, wird es auch betriebswirtschaftlich erfolgreich agieren können.

Wird die rasante Kostenentwicklung im Gesundheitswesen durch roboterunterstützte Systeme noch zusätzlich beschleunigt?

Heubner: Eher im Gegenteil. Die Weiterentwicklung der minimalinvasiven Operationstechnologien – zu denen der Da Vinci gehört – und die damit verbundene Verkürzung der stationären Aufenthalte tragen entscheidend dazu bei, die Kosten im Gesundheitswesen nicht weiter steigen zu lassen. Ohne minimalinvasive Verfahren wäre der Trend zu immer mehr ambulanten und damit kostengünstigeren Eingriffen gar nicht möglich.

Lehmann: Durch die Reduktion von Hospitalisierungszeiten, die Verringerung unerwünschter Nebenwirkungen und die raschere Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit können wohl gewisse gesamtgesellschaftliche Kosteneinsparungen realisiert werden; dies ist aber schwierig zu beziffern.

Der Operationsroboter Da VInci.

Mit dem Da-Vinci-Operationsroboter sind minimalinvasive Eingriffe möglich.

Neben Operationsrobotern werden auch Themen wie Augmented Reality, also die computerunterstützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung, im medizinischen Bereich immer wichtiger.

Heubner: Ich sehe hier ein sehr grosses Potenzial. Der Da Vinci bringt mehr als jedes andere Verfahren die Computerunterstützung direkt ins Operationsfeld hinein – ein Trend, der sich noch deutlich verstärken wird. Wenn Sie den Vergleich machen zu den Smartphones oder den Technologien der modernen Mobilität, dann kann man sich ausrechnen, was in der Medizin und Chirurgie noch alles möglich werden wird. Schon heute gibt es beispielsweise Ansätze einer hybriden Bilddarstellung, mit der Computertomografie- oder Magnetresonanztomografie-Aufnahmen dreidimensional ins aktuelle Operationsbild am Bildschirm integriert werden können.

Setzt das KSB solche Technologien bereits ein?

Heubner: Beim Da-Vinci-System setzen wir schon heute etwa Infrarottechnik ein. So kann ich während der Operation von der normalen Kamera auf die Infrarotkamera umschalten, um spezielle Gefäss- und Lymphstrukturen mittels Farbstoffen sichtbar zu machen.

Zum Schluss ein Blick in die Kristallkugel: Werden die vom Arzt gesteuerten roboterunterstützten Operationssysteme dereinst von quasi autonom agierenden Operationsrobotern abgelöst?

Lehmann: Denkbar ist vieles. Es braucht aus meiner Sicht aber zwingend ein Backup, eine Sicherung, falls technische Systeme ausfallen. Und in solchen Fällen ist der Arzt mit Erfahrung gefragt, um auch mit anderen, klassischen Methoden das Problem lösen zu können. Schon heute werden Röntgenbilder von Computern ausgewertet. Es ist also denkbar, dass diese Technologien auch auf den 3-D-Raum ausgeweitet werden und als Grundlage für eine mehr oder weniger autonome Robotersteuerung dienen.

Heubner: Man soll niemals nie sagen. Aktuell kann ich mir das aber nicht vorstellen, da die individuellen Unterschiede zwischen den Menschen doch sehr gross sind. Sich bei Operationen auf die unterschiedlichsten Gegebenheiten einstellen zu können, ist ein extrem wichtiger Aspekt der ärztlichen Kunst. Zudem ist die Medizin ein Gebiet, in dem die zwischenmenschliche Interaktion eine herausragende Rolle hat. Für die Patienten ist die vollständige Übergabe der Kontrolle über ihren Körper, wie sie bei einer Operation nötig ist, ein sehr schwerer Schritt. Dieser Schritt benötigt ein grosses Vertrauen. Und dieses Vertrauen haben Menschen doch eher zu anderen Menschen als zu autonom handelnden Maschinen.

Wollen Sie mehr wissen über das roboterassistierte Operationssystem Da Vinci? Zusätzliche Informationen finden Sie auf der KSB-Webseite.

Haben Sie Fragen oder ein persönliches Anliegen? Kontaktieren Sie die Sekretariate der verschiedenen Kompetenzzentren, die mit dem Operationsroboter Da Vinci arbeiten.

Chefarztsekretariat Gynäkologie
Sekretariat Urologie
Sekretariat Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefässchirurgie





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