Künstliche Intelligenz in der Radiologie

Der Kopilot der Radiologie

Auf den schwarz-weissen Röntgenbildern suchen Radiologen nach einem gerissenen Blutgefäss, verändertem Gewebe oder einem Tumor. Künstliche Intelligenz (KI) soll sie dabei schon bald unterstützen.

Künstliche Intelligenz (KI) ist im Alltag schon längst präsent: Im Flugzeug fliegt sie als Kopilot, als virtuelle Assistentin Alexa versteht sie die Sprachbefehle, und als Smartphone-Funktion erkennt sie Gesichter. Die Technologie soll nun auch in der Medizin Fuss fassen. Gut eignet sich dafür die Radiologie, bei der bereits alle Daten digital erfasst werden – die Zeiten, in denen Ärzte die Röntgenbilder vor Leuchtkästen begutachteten, sind längst vorbei. Das Durchsehen von Röntgen- oder CT-Bildern ist monoton und zeitintensiv. KI könnte diese Aufgabe künftig übernehmen.

Rahel Kubik ist Chefärztin auf der Abteilung Radiologie am KSB. Im Interview erzählt sie, weshalb KI keine Konkurrenz für Ärzte darstellt, wie die Technologie künftig angewendet wird und welche Chancen sich dadurch für Radiologen und Patienten bieten.

Rahel Kubik, künstliche Intelligenz (KI) kann Bilder aus der Radiologie genauer beurteilen als Radiologen. Bangen Sie bereits um Ihren Job?

Nein. Radiologen wird es weiterhin brauchen. Es ist immer noch der Mensch, der die Diagnosen stellt und über weitere Untersuchungen entscheidet. KI kann uns dabei aber von mühsamen Routineaufgaben entlasten. Das verbessert die Medizin.

Weshalb?

Uns bleibt mehr Zeit für die Patienten und die vielleicht nötigen weiteren Behandlungen. Mit KI ist zudem eine schnellere und gründlichere Diagnose möglich.

Was genau macht denn künstliche Intelligenz?

KI kann riesige Datenmengen verarbeiten, unterschiedliche Aspekte klassifizieren und Muster erkennen. Daraus ergeben sich dann Voraussagen. In der Radiologie bedeutet das: Sie kann innerhalb kürzester Zeit Tausende andere Bilder mit dem aktuellen abgleichen, Unterschiede feststellen und so die Aufnahme beurteilen.

«Es ist immer noch der Mensch, der die Diagnosen stellt und über weitere Untersuchungen entscheidet. KI kann uns dabei aber von mühsamen Routineaufgaben entlasten.»
Rahel Kubik

Worin sehen Sie den grössten Vorteil der neuen Technologie?

Es gibt viele Vorteile. Bildgebende Verfahren liefern beispielsweise immer mehr Informationen. Das heisst, wir müssen uns durch einen immer grösseren Datendschungel forsten – das ist zeitraubend, aber im Grunde anspruchslos. Solche Aufgaben könnte KI übernehmen. Oder aber Veränderungen vermessen – zum Beispiel die Grösse eines Tumors. Wenn wir das manuell machen, kostet das viel Zeit und ist anfällig für Rechenfehler. KI kann das innert Sekunden. Das hilft uns, genauere Diagnosen zu stellen. Auch in Notfallsituationen könnte KI Vorteile bieten.

Zum Beispiel?

Hirnblutungen muss man sofort behandeln, jede Minute zählt. Wenn die KI auf einen akuten Zustand hinweist, kann das Leben retten.

Computer und Smartphones können gehackt werden. Ist das auch ein Risiko für KI-Systeme?

Das lässt sich nie komplett ausschliessen – jedes Gerät, das kommuniziert, kann auch manipuliert werden. Die KI-Systeme müssen aber sehr hohe Sicherheitsanforderungen erfüllen. Manipulation ist deshalb sehr unwahrscheinlich.

Anders als ein Computer, der nur «weiss», was wir programmieren, kann KI dazulernen. Es bleibt aber im Dunkeln, was das System sich aneignet. Ist das anfällig für Fehler?

Wenn die KI einem schlechten Algorithmus unterliegt, ist das möglich. Dann kann es sein, dass sie falsche Schlüsse aus den Daten zieht.

«KI macht es möglich, Tumore zu vermessen und deren Veränderungen während einer Therapie festzustellen.»
Rahel Kubik

Und dann jemandem eine falsche Diagnose nahelegt?

Genau. Nehmen wir an, das System wird darauf trainiert, Brustkrebs zu erkennen. Es lernt dann beispielsweise, dass gewisse Eigenschaften wie Schärfe und Kontrast eines Flecks auf einen Krebs hindeuten. Wird der KI nun aber das Bild eines Brustkrebses mit anderen Merkmalen vorgelegt, kann dies zu einer falschen Diagnose führen.

Gibt es weitere Risiken?

Es ist wie mit dem Navi im Auto: Es geht meist gut, und man kommt schneller ans Ziel. Nichtsdestotrotz muss man dessen Grenzen kennen, um rechtzeitig «abzubiegen» – wenn zum Beispiel die Abzweigung, die man laut Navi nehmen soll, gesperrt ist. Für die KI heisst das: Wir müssen Wege finden, uns durch die KI im Alltag unterstützen zu lassen, ohne dabei die Übersicht und das Können zu verlieren, rechtzeitig einzugreifen, sollte der Algorithmus die Spur verlassen.

In welchen Bereichen arbeiten Sie am KSB bereits mit KI?

Bei der Arbeit mit dem Computertomografen hilft uns KI beispielsweise, Knochenbrüche möglichst naturgetreu darzustellen. Auch macht es KI möglich, Tumore zu vermessen und deren Veränderungen während einer Therapie festzustellen. Beim MRI hilft die künstliche Intelligenz bei der Planung der unterschiedlichen Bildebenen, wie man das MRI durchführen soll.

Haben Sie keine Angst vor KI? Vielleicht sind uns die Maschinen irgendwann überlegen.

Da kommt mir ein Zitat aus dem Buch «Homo Deus» in den Sinn: «Die Menschen haben üblicherweise Angst vor Veränderung, weil sie das Unbekannte fürchten. Doch die grösste Konstante der Geschichte ist die, dass sich alles verändert.» So sehe ich das auch bei der KI. Man darf sich nicht aus Angst vor etwas Neuem dagegen wehren. Wer den Fortschritt ignoriert, ist schnell weg vom Fenster.






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