Alzheimer-Experte Dr. Otto Meyer

«Meine Grossmutter vergass, wo die Haustüre ist»

Normale Altersvergesslichkeit oder beginnende Demenz? Otto Meyer, der Co-Leiter der Memory Clinic Baden am KSB, erinnert sich an seine demente Grossmutter und erklärt, weshalb nicht nur Demenzpatienten, sondern auch deren Angehörige eng begleitet werden sollten.

Herr Meyer, wann haben Sie zum letzten Mal etwas vergessen?

Gerade kürzlich ist mir der Name eines Buches entfallen, das ich gelesen hatte. Später erinnerte ich mich wieder: Es war das Buch «Als wär’s ein Stück von mir», die Autobiografie des deutschen Schriftstellers Carl Zuckmayer. Aber hin und wieder etwas zu vergessen, ist halb so schlimm. Problematisch wird es erst, wenn die Vergesslichkeit zum Dauerzustand wird.

Als Geriater befassen Sie sich mit Menschen, deren Gedächtnis nachlässt und deren emotionale und soziale Fähigkeiten schwinden: Menschen mit Demenz. Wann sind Sie zum ersten Mal mit diesem Krankheitsbild in Kontakt gekommen?

Das war ein einschneidendes Erlebnis. Ich war zwölf Jahre alt, und wir waren zum Mittagessen bei unserer Grossmutter zu Hause. Plötzlich stand sie auf und wollte raus, aber sie fand die Haustüre nicht und versuchte, mit dem Hausschlüssel die Schranktüre zu öffnen. Das muss bereits damals ein spätes Stadium einer Alzheimer-Erkrankung gewesen sein. Wir erschraken alle, denn niemand wusste von dieser massiven Störung.

Otto Meyer im KSB-Podcast

Hören Sie sich im Podcast Otto Meyers eindrückliche Erinnerungen an seine demente Grossmutter an.

Warum nicht?

Der Grossvater schwächte wohl alles irgendwie ab, verdeckte es, oder er wollte es nicht wahrhaben. Letztlich wollte er seine Frau wohl beschützen. Aber nachträglich kamen viele weitere Geschichten ans Licht. Zum Beispiel, dass meine Grossmutter jede Nacht bei den Nachbarn klingelte und sagte, dass sie zum Friseur müsse. Als der Grossvater selber pflegebedürftig wurde, brach dieses ganze «System» ein. Erst da realisierten wir als Familie, was Sache ist. Eigentlich hatten wir alle ein gutes Verhältnis zueinander, standen uns nahe. Aber Ähnliches erlebe ich heute in meinen Sprechstunden: dass es Angehörige gibt, die gar nicht realisieren, was passiert.

Und wie ging es weiter mit Ihrer Grossmutter?

Wir nahmen sie bei uns auf, bei meinen Eltern und meinen zwei Geschwistern. Nach zwei Wochen waren wir alle fixfertig, «völlig dure». Sie kam nun jede Nacht zu uns Kindern ins Zimmer und suchte das Badezimmer. Dann wurde sie aggressiv gegen meinen Vater, wusste nicht mehr, wo sie war. Später kam der nächste belastende Schritt: Meine Grossmutter musste ins Pflegeheim, wo sie mit 79 Jahren starb. Ich habe sie in guter Erinnerung, aber sie war nicht mehr die Person, die ich einst gekannt hatte.

«Der Mensch, den man einst gekannt oder geliebt hat, existiert irgendwann nicht mehr.»
Otto Meyer

War dieses Erlebnis ausschlaggebend für Ihre Berufswahl?

Nein, aber es war sehr eindrücklich. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie einschneidend eine solche Erkrankung ist – nicht nur für die Patienten, sondern auch fürs Umfeld. Demenz geht mit einer Persönlichkeitsveränderung des betroffenen Menschen einher. Darunter leidet insbesondere auch das Umfeld, das alles «auffangen» muss. Auch es braucht Unterstützung.

Was fasziniert Sie an Demenzerkrankungen?

Die Pathophysiologie, also die Wissenschaft, die sich mit den Ursachen von Krankheiten befasst. Gerade Demenz ist sehr komplex und nach wie vor unheilbar. Es gibt im Grunde keine langfristig wirkungsvollen Therapien. Allein die Diagnose zu stellen, ist komplex: In der Memory Clinic Baden am KSB arbeiten wir interdisziplinär und vernetzt in Kooperation mit den Psychiatrischen Diensten Aargau. Unser Team besteht aus Ärzten aus den Fachgebieten der Geriatrie, Alterspsychiatrie, Neurologie, Neuropsychologie und Neuroradiologie – das ist einzigartig in der Schweiz. Die emotionale Seite meiner Aufgabe ist ebenfalls herausfordernd: die Begleitung von Patienten und deren Angehörigen. Man spürt den Konflikt, den Leidensdruck der Beteiligten. Da muss man erst Vertrauen schaffen – eine Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erfordert.

«Wenn wir die Krankheit erkennen, ist ein Teil der Hirnzellen bereits abgestorben.»
Otto Meyer

Wo steht die Forschung? Gibt es Hoffnung?

Leider nein. Natürlich wird immer noch geforscht. Aber es gibt auch grosse Pharmaunternehmen, welche die Alzheimer-Forschung aufgegeben haben, dies nachdem sie Milliarden reingesteckt haben. Ein Problem ist, dass diese Erkrankung einen Vorlauf von zehn bis fünfzehn Jahren hat. Die Diagnostik kommt also um Jahre zu spät. Wenn wir die Krankheit erkennen, ist ein Teil der Hirnzellen bereits abgestorben. Die Forschung versteht also noch nicht, was bei einer Demenzerkrankung genau passiert. Schwierig zu sagen, wo wir diesbezüglich in zehn, zwanzig Jahren stehen werden.

Das bedeutet etwas überspitzt formuliert, dass Ihre Patienten bei jedem Besuch kranker werden und eben nicht gesünder …

Das kann man so nicht sagen, da die Krankheitsfälle sehr unterschiedlich sind. Mit Medikamenten kann man den Krankheitsverlauf etwas verlangsamen oder phasenweise stabilisieren. Ich gehe davon aus, dass man so den Eintritt eines Patienten in ein Pflegeheim um ein, vielleicht zwei Jahre hinauszögern kann. Da man die Krankheit nicht besiegen kann, geht es in der Memory Clinic am KSB darum, gewisse Symptome abzuschwächen und sich auf die noch vorhandenen Stärken eines Patienten zu fokussieren. Alles andere ist für immer weg.

«Mein Rat an Angehörige: Schauen Sie nicht nur zu Ihrem Partner, sondern auch zu sich selbst.»
Otto Meyer

Was heisst das konkret?

Wir behandeln nicht nur die Demenz an sich, sondern eben auch die Störungen, die sie mit sich bringt. Eine solche Erkrankung kann nebst dem Verlust der Denkfähigkeit beispielsweise mit Depressionen oder Aggressionen verbunden sein. Diese Symptome behandeln wir, damit die betroffene Person eine gewisse Lebensqualität behalten kann. Wie gesagt: Es ist ein Begleiten, bei dem wir uns nicht auf die Defizite konzentrieren, sondern auf das, was noch funktioniert. Und wir zeigen auch den Angehörigen Wege auf, wie sie mit einem kranken Familienmitglied umgehen können.

Was geben Sie Angehörigen mit auf den Weg?

Einen Demenzpatienten zu pflegen, ist über Jahre hinweg eine grosse Herausforderung. Der Mensch, den man einst gekannt oder geliebt hat, existiert irgendwann nicht mehr – das belastet enorm. Es gibt Menschen, die ihre Partnerin oder ihren Partner teils bis zur Selbstaufgabe betreuen. Wenn die dann aufgrund dieser Belastung selbst eine Erschöpfungsdepression erleiden und einbrechen, ist letztlich niemandem geholfen. Mein Rat an Angehörige lautet: Entlasten Sie sich, holen Sie Hilfe von aussen, schaffen Sie sich Freiraum und schauen Sie nicht nur zu Ihrem Partner, sondern auch zu sich selbst.

Die Memory Clinic Baden

Vergesslich? Vergesslicher? Dement? Das Kantonsspital Baden betreibt gemeinsam mit den Psychiatrischen Diensten Aargau die Memory Clinic Baden. Die ambulante, interdisziplinäre Sprechstunde dient der Abklärung und Therapie von Gedächtnisstörungen oder anderen Veränderungen des Denkens und Verhaltens.






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