Porträt Martin Heubner, Chefarzt Gynäkologie

Martin Heubner: «Das Vertrauensverhältnis muss stimmen»

Martin Heubner, Chefarzt Gynäkologie am Kantonsspital Baden, spricht im Interview über Tabuthemen beim Frauenarzt, operative Eingriffe mit dem Roboter, männliche Patienten in seinem Sprechzimmer und über das neue Ideal der Barbie-Vulven.

Herr Professor Heubner, wieso wird man als Mann ausgerechnet Gynäkologe?

Das ist eine Frage, die ich schätzungsweise zum 837. Mal gestellt bekomme. Deshalb habe ich natürlich eine Antwort parat. Mich begeistert an der Gynäkologie das extrem abwechslungsreiche Spektrum. Das gibt es so in kaum einem anderen Fachbereich. Man betreut die Patientinnen gewissermassen von der Wiege bis zur Bahre: von der Geburtshilfe über leicht Erkrankte jüngeren Alters bis hin zu schwerkranken, meist älteren Frauen. Zudem bringt der Beruf ein breites operatives Spektrum mit sich, wie kleinere ambulante Eingriffe, grosse Krebsoperationen oder auch plastische Chirurgie, zum Beispiel die plastische Brustchirurgie nach Krebserkrankungen.

«Mich begeistert an der Gynäkologie das extrem abwechslungsreiche Spektrum.»
Martin Heubner

Manche Frauen gehen lieber zu einer Frauenärztin als zu einem Frauenarzt. Können Sie das nachvollziehen?

Ich kenne beide Einstellungen. Es sind vor allem jüngere Frauen, die lieber eine Gynäkologin aufsuchen. Es gibt aber auch jene, die sich lieber von einem Arzt untersuchen lassen, da sie annehmen, dass Männer vorsichtiger seien. Entscheidend ist aber der Erstkontakt. Wenn dieser für die Patientinnen positiv ist, ist es egal, ob der Arzt ein Mann oder eine Frau ist. Das Vertrauensverhältnis muss stimmen. Und – ganz gleich, in welchem Fachbereich ein Arzt oder eine Ärztin tätig ist – man bewegt sich immer in der Intimsphäre seiner Patienten, ob die Untersuchung nun die Geschlechtsorgane betrifft oder nicht.

Sie sind verheiratet und Vater zweier kleiner Söhne. Ist es dennoch nicht komisch für Ihre Frau, dass Sie den ganzen Tag nackte Frauen sehen?

Meine Frau ist selbst Gynäkologin. Auch ihre Eltern sind Gynäkologen, und zwar beide. Deshalb war der Beruf für sie nie etwas Besonderes. Sie wusste also, worauf sie sich einlässt. (Lacht.)

Prof. Martin Heubner ist seit 2016 Direktor der Klinik Frauen und Kinder sowie Chefarzt Gynäkologie am Kantonsspital Baden. Zu seinen Schwerpunkten zählen gynäkologische Onkologie, minimalinvasive Gynäkologie und roboterassistierte Chirurgie. Martin Heubner lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen in Ennetbaden.

Waren Sie bei den Geburten Ihrer Söhne «nur» als Partner Ihrer Frau oder als Arzt dabei?

Meine Frau wollte mich als Begleiter an ihrer Seite haben.

Kann man den Arztkittel währenddessen gedanklich wirklich draussen lassen?

Es ist vermutlich besser, wenn man «nur» als Partner dabei ist. Denn als Ehemann und werdender Vater ist man nicht völlig neutral. Als zum Beispiel die Geburt meines ersten Sohnes nur schleppend voranging und nicht alles nach Plan lief, war das für mich natürlich komisch. Der folgende Kaiserschnitt war sicher die richtige Entscheidung, die trifft man aber am besten aus neutraler Position.

Mittlerweile hat die Schönheitschirurgie auch Einzug in die Intimzone gehalten. Warum muss die Vulva einer erwachsenen Frau dem Idealbild der sogenannten Barbie-Vulva entsprechen, also wie bei einer Zwölfjährigen aussehen? Bei Männern wäre ein Vergleich mit einem Teenager undenkbar.

Durch entsprechende Medien und die heutige Omnipräsenz und Offenheit vergleicht man sich generell mehr als früher. Und dies eben auch im Intimbereich. Dabei geht es Frauen vor allem um eine Verkleinerung der inneren Schamlippen. In wenigen Fällen, zum Beispiel, wenn diese beim Sitzen und Laufen Probleme machen, mag dies gerechtfertigt sein. Dann führen wir auch Reduktionen durch. Aber nicht aus rein kosmetischen Gründen. Wenn ich darauf angesprochen werde, versuche ich in der Regel, die Frauen von dem Gedanken wieder abzubringen. Man sollte bedenken, dass bei der Optik der Vulva, wie auch bei Gesichtern und Körpertypen, die Unterschiede sehr gross sind. Mir ist es deshalb wichtig, Frauen in ihrem Selbstbewusstsein zu bestärken.

Positiv ist hingegen die stetige Weiterentwicklung der Therapiemöglichkeiten. Inwiefern haben sich die operativen Eingriffe in der Gynäkologie in den letzten Jahren verbessert?

In diesem Bereich haben wir während meiner medizinischen Laufbahn erhebliche Fortschritte erzielt. Einen Bauchschnitt führen wir gerade am KSB nur noch selten durch. Die Techniken der Laparoskopie haben sich stark verbessert und werden mittlerweile ergänzt durch die Möglichkeit roboterassistierter Operationen, die eine noch grössere Präzision ermöglichen. All die Entwicklungen haben dazu geführt, dass die Eingriffe immer schonender werden und mit immer weniger Blutverlust einhergehen. So waren minimalinvasive Tumoroperationen während meines Studiums noch ein No-Go. Dies hat sich vollständig gewandelt mit extremen Vorteilen für Patienten, sodass mittlerweile die Verweildauer der Patientin im Spital viel kürzer geworden ist.

«Wenn der Erstkontakt für die Patientinnen positiv ist, ist es egal, ob der Arzt ein Mann oder eine Frau ist.»
Martin Heubner

Als Frauenarzt sprechen Sie natürlich immer nur von «Patientinnen». Behandeln Sie zuweilen auch Männer?

Ja. Denn es gibt vereinzelt auch Männer, die an Brustkrebs erkranken. Es ist für mich natürlich immer eine rechte Umgewöhnung. (Lacht.) Ich komme aber auch mit Männern zurecht. Brustkrebspatienten sind in der Regel etwas älter, nehmen es auch meist mit Humor und Gelassenheit, dass sie zu den exotischeren Patienten bei mir zählen. Bei meiner letzten Arbeitsstelle in einer anderen Klinik hatte ich relativ häufig Kontakt zu Transsexuellen, die für Brustoperationen zu uns kamen. Das waren oft interessante Begegnungen.

Einer Patientin oder einem Patienten eine Krebsdiagnose mitzuteilen, gehört für Sie zum Daily Business. Wie nah lassen Sie Patientenschicksale an sich heran?

Gerade in der gynäkologischen Onkologie spielt auch die menschliche Seite des Arztes eine Rolle und macht seine Qualität mit aus. Dabei muss natürlich auch für mich die Balance stimmen. Man darf nie alle Probleme mit nach Hause nehmen. Aber jemand, der kalt wie ein Fisch ist, ist kein guter Arzt.

Gynäkologie am KSB

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