Ein Arzt misst den Bauchumfang einer Patientin. Das Bild steht symbolisch für die Patientin mit einem Schlauchmagen.

Zwei Jahre nach der Schlauchmagen-OP: Dem alten Feind die Stirn bieten

Vor gut zwei Jahren unterzog sich Maria Meunier* am KSB einer Schlauchmagen-Operation. Sie wollte ihr Gewicht von über 100 Kilogramm auf unter 70 senken. Das hat sie geschafft. Dennoch kämpft sie täglich mit ihrem schlimmsten Feind.

Vor fast anderthalb Jahren haben wir Maria Meunier bei ihrem Nachsorgetermin zuletzt getroffen. Sieben Monate nach ihrer Schlauchmagen-Operation hatte sie damals mit 69,5 Kilogramm endlich ihr Wunschgewicht erreicht. Heute zeigt die Waage 63 Kilo an. Eigentlich ein guter Wert – trotzdem ist die 41-Jährige niedergeschlagen.

Drei Fehlgeburten in fünf Monaten

«Vor dem Spiegel sehe ich zwar grosse Fortschritte», erzählt sie ihrer Ernährungsberaterin Christina Hüsler. «Aber manche Kleider, die ich mir vor ein paar Monaten neu gekauft habe, passen inzwischen nicht mehr. 2019 wog ich noch 59 Kilogramm, so wenig wie nie. Ich bin frustriert, dass ich seitdem wieder zugelegt habe.»

Eine Gewichtszunahme von etwa zehn Prozent nach dem niedrigsten erreichten Gewicht sei normal, relativiert Christina Hüsler. Doch auch ihr fällt auf, dass Maria seit einigen Wochen wieder zunimmt – rund ein Kilogramm pro Monat. Dabei weiss die 41-Jährige eigentlich sehr gut, wie eine gesunde Ernährung aussieht. Ihre Mittags- und Abendmahlzeiten bereitet sie selbst zu. Ihr grosses Problem: die Snacks zwischendurch. Als die Ernährungsberaterin Maria nach ihrem seelischen Befinden fragt, bricht es aus ihr heraus: «Ich habe gefühlt seit Dezember aufgehört, ein richtiges Leben zu führen», klagt sie. Stress im Job, die Corona-Pandemie und insbesondere ihr sehnlicher Wunsch nach einem zweiten Kind lassen sie immer häufiger zu kalorienreichen Snacks greifen.

«Ich muss alles unter Kontrolle haben»

Mediziner raten, nach einer Schlauchmagen-OP 18 Monate mit einer Schwangerschaft zu warten. Daran haben sich Maria und ihr Mann gehalten; die beiden haben bereits eine vierjährige Tochter. Damals war sie trotz ihres starken Übergewichts problemlos schwanger geworden. Allerdings wollte sie nicht noch einmal eine «dicke Schwangere» sein, bei der man den Babybauch erst kurz vor der Geburt bemerkt. Deshalb hatte sie sich im Alter von 39 Jahren einer Schlauchmagen-Operation unterzogen.

«Ich bin leider schon in der Prämenopause. Dabei bin ich doch erst 41! Das hat mich wirklich schockiert.»
Maria

Laut der aktuellen Studienlage ist die Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen nach Adipositas-Operationen erhöht. Dennoch: Die biologische Uhr tickt während der anderthalbjährigen Pause natürlich weiter. Um die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen, richtet Maria ihr Liebesleben deshalb nach ihrem Eisprung aus. «Ich muss immer alles unter Kontrolle haben», gesteht sie – auch wenn ihr klar geworden ist, dass dies nicht möglich ist: Drei Fehlgeburten erlitt Maria innerhalb der vergangenen fünf Monate. «Die Fehlgeburten passieren meist nur wenige Tage nach dem positiven Schwangerschaftstest und dem Fälligkeitstermin der Menstruation. Die meisten Frauen würden dies wahrscheinlich gar nicht bemerken und glauben, dass ihre Blutung einfach zwei, drei Tage verspätet ist.»

Verlockungen im Home-Office

Deshalb ist sie mittlerweile bei Martina Nordin in Behandlung, der Leitenden Ärztin am Kinderwunschzentrum Baden. Die Gynäkologin betreut Maria als Konsiliarärztin am KSB. «Frau Nordin hat verschiedene Tests durchgeführt. Die Resultate zeigten leider, dass ich wohl schon in der Prämenopause bin. Dabei bin ich doch erst 41! Das hat mich wirklich schockiert», so die Marketingmanagerin eines internationalen Unternehmens. Nun sollen weitere Abklärungen zeigen, ob beispielsweise eine Gerinnungsstörung oder eine Gelbkörperschwäche vorliegt. Grund dafür ist oft eine verminderte Anzahl an Eizellen. Dazu kommt zu viel Stress. Anstrengend ist für Maria nicht nur der Druck, den sie sich selbst macht. Auch die vielen körperlichen Nebenwirkungen der Schwangerschaft wie Brustspannen, Übelkeit und Müdigkeit machen ihr zu schaffen. «Dadurch esse ich viel mehr.» Seit sie pandemiebedingt im Home-Office arbeitet und der Kühlschrank nur noch wenige Schritte von ihrem Arbeitsplatz entfernt ist, sei dies leider rund um die Uhr möglich. «Mein grösster Feind ist zurück!»

Engelchen und Teufelchen auf der Schulter

Denn nach einem Jahr habe sie wieder angefangen, Zuckerhaltiges zu konsumieren, berichtet sie der Ernährungsberaterin. Grosse Mengen an Nahrung könne sie wegen des Schlauchmagens zwar nicht mehr essen. Aber während ihr Verlangen nach Zucker im ersten Jahr überhaupt nicht vorhanden war, ist es nun wieder da – und sie gibt stressbedingt immer öfter nach. «Meine drei Hauptmahlzeiten sind zwar ausgewogen und gesund. Aber zwischendurch kann ich alle 20 Minuten eine Crêpe essen! Selbst wenn ich sie mit weniger Zucker zubereite, kommt dabei täglich einiges zusammen. Das Engelchen und das Teufelchen auf meiner Schulter sind den ganzen Tag über bei mir.»

Emotional Snacking als Ersatzhandlung

Da Maria sich ihrer ungesunden Ernährungsweise sehr wohl bewusst ist, steht für Christina Hüsler aktuell nicht die Ernährungsberatung, sondern die psychologische Beratung an erster Stelle. Sie legt Maria deshalb ans Herz, sich Unterstützung bei den Psychiatrischen Diensten Aargau PDAG zu holen: «Schildern Sie der Psychologin, was in Ihnen vorgeht, wenn Sie zu den Snacks greifen.»

«Man hat mir vor der Schlauchmagen-OP gesagt, dass der chirurgische Eingriff keine Wunder vollbringen kann und man danach nicht in alte Gewohnheiten zurückfallen dürfe. Die Ärzte operieren eben den Magen und nicht das Gehirn.»
Maria

Denn die wichtigste Frage beim sogenannten Emotional Snacking sei: «Was könnte ich stattdessen machen, um ein gutes Gefühl zu bekommen?» Die Ernährungsberaterin empfiehlt ihr, einen Knetball auszuprobieren oder etwas herumzugehen. Auch könnte es helfen, vor der Arbeit etwas zu trinken oder Gemüsesticks vorzubereiten.

Bei der anschliessenden medizinischen Besprechung erfährt Maria, dass ihre Muskelmasse erfreulicherweise stabil geblieben ist. Aber: «Die Fettmasse hat zugenommen», so der Adipositas-Spezialist Mark Mahanty. Möglicherweise sei neben ihrem veränderten Essverhalten auch die Prämenopause für eine gewisse Gewichtszunahme verantwortlich. Ansonsten lägen ihre Werte nur ganz leicht über der Idealkurve.

Ausweg mit psychologische Unterstützung

«Es war ein unbeschreiblich tolles Gefühl, als ich das erste Mal ins Geschäft ging und Kleider in normalen Grössen anprobieren konnte», erinnert sich Maria an die Wochen, in denen sie unter 60 Kilo wog. Doch seit der Covid-Pandemie fallen ihre Fitness-Einheiten weg. Zuvor hatte sie täglich eine Stunde im Fitnessstudio trainiert. «Seitdem diese geschlossen sind, war ich natürlich nicht mehr dort», so Maria.

«Man hat mir vor der Schlauchmagen-OP gesagt, dass der chirurgische Eingriff keine Wunder vollbringen kann und man danach nicht in alte Gewohnheiten zurückfallen dürfe. Die Ärzte operieren eben den Magen und nicht das Gehirn.» Maria ist sich bewusst, dass es nun an ihr liegt, mit psychologischer Unterstützung aus ihrer belastenden Situation zu finden. Den ersten Schritt dazu hat sie bereits gemacht: «Ich habe zu Hause mit Gymnastikeinheiten begonnen. Jeden Tag trainiere ich 30 bis 45 Minuten zu Fitnessvideos auf Youtube. Zudem finde ich Halt und Unterstützung bei einer Whatsapp-Gruppe. Wir motivieren uns gegenseitig.»

* Name geändert

Unterstützung bei Übergewicht

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