Dr. Karim Eid ist Orthopädie-Chefarzt am KSB.

Frozen Shoulder: Geduld ist die beste Behandlung

Schlaflose Nächte und starke Schmerzen – eine Frozen Shoulder belastet den betroffenen Patienten im Alltag stark. Im Interview erklärt Orthopädie-Chefarzt Dr. Karim Eid die Behandlung und Therapie dieser langwierigen Erkrankung.

Dr. Eid, was ist unter einer «Frozen Shoulder» zu verstehen?
Kurz gesagt handelt es sich dabei um ein versteiftes Schultergelenk, eine sogenannte Schultersteife.

Und etwas ausführlicher erklärt?
Unser Schultergelenk ist von einer Kapsel umgeben. Diese ist so dünn wie die Haut eines aufgeblasenen Luftballons. Entzündet sich diese Kapsel, kommt es zu starken Schmerzen. Der Arm lässt sich dann kaum noch bewegen. Vor allem nachts leiden die Patientinnen.

Die Patientinnen?
Ja, man muss von «Patientinnen» sprechen: Zu zwei Dritteln sind Frauen von der Schultersteife betroffen.

Tritt die Frozen Shoulder häufig auf?
Durchaus. Ich behandle drei bis fünf Fälle pro Tag. Das Tragische an der Frozen Shoulder ist: Weil sie schleichend entsteht, wird sie oft erst spät als solche erkannt. Viele Patientinnen durchlaufen eine monatelange Odyssee, ehe eine korrekte Diagnose gestellt ist. Und bis dahin haben die klassischen Massnahmen, die man sonst bei Schulterproblemen anwendet, noch zu einer Verschlimmerung der Beschwerden geführt. Physiotherapie etwa oder das In-den-Schmerz-Hineingehen funktionieren bei der Frozen Shoulder nicht – ganz im Gegenteil. Die Frozen Shoulder braucht Schonung, das ist die beste Therapie.

Röntgenbild eines Schultergelenks

Das Schultergelenk

Es verbindet den Oberarm mit dem Schulterblatt und gilt als Kugelgelenk: das Schultergelenk. Es ist das beweglichste unserer Gelenke. Dies kommt daher, dass es vor allem durch die Muskulatur gestützt wird. Seine Bewegungen werden kaum durch knöcherne Strukturen eingeschränkt. Diese Anatomie macht das Schultergelenk aber auch anfällig für Verletzungen. So kommen Ausrenkungen – sogenannte Luxationen — der Schulter relativ oft vor. Weitere mögliche Verletzungen sind Muskel- oder Sehnenrisse.

Sie sagten, die Schultersteife entstehe «schleichend». Wie sieht der Verlauf genau aus?
Zunächst schmerzt die Schulter sehr stark. Danach klingen die Schmerzen ab, und die Schulter versteift. Der betroffene Arm lässt sich dann kaum noch drehen oder seitwärts heben. Das ist der klassische Verlauf einer Frozen Shoulder.

Welche Therapien gibt es?
Leider ist das Repertoire begrenzt. Wir können nur versuchen, die Symptome zu bekämpfen. Das bedeutet – und zwar über einen längeren Zeitraum – die Einnahme schmerz- und entzündungshemmender Mittel. Meist braucht es zusätzlich zwei bis drei Kortisonspritzen. Zudem muss man das Gelenk schonen. Mitunter ist damit auch eine zeitweilige Arbeitsunfähigkeit verbunden. Eine Operation ist keine Option.

«Viele Patientinnen durchlaufen eine monatelange Odyssee, ehe die korrekte Diagnose gestellt ist.»
Karim Eid

Wie reagieren die Patienten, wenn sie hören, dass Sie ihnen ausser Schmerzmitteln und Kortisonspritzen nichts anbieten können?
Sie sind natürlich enttäuscht. Mir als Arzt wäre es auch lieber, für eine schnelle Heilung sorgen zu können. Aber das wohl wichtigste Medikament bei der Frozen Shoulder ist Geduld.

Wie lange dauern die Beschwerden denn an?
Bis zu anderthalb Jahre.

Das tönt ebenfalls enttäuschend.
Das Gute an der Frozen Shoulder ist: Sie geht vorbei. Uns fällt es heutzutage schwer, ein Leiden passiv zu ertragen. Bei der Frozen Shoulder handelt es sich um eine Erkrankung, deren Gesetzmässigkeiten man sich unterwerfen muss. Sie bremst die Betroffenen aus. Sie dauert lang. Aber sie geht vorbei. Die Kapsel erholt sich von allein, ohne eine Physiotherapie oder andere Behandlung.

Sie geht immer vorbei?
Ja, wenn nicht eine frühere Operation, etwa an der Bizepssehne, Auslöser der Schultersteife ist. Ansonsten kann ich den Betroffenen versprechen, dass sie danach wieder ihr normales Leben leben können.

Welche Risikofaktoren gibt es neben dem weiblichen Geschlecht und früheren Schulteroperationen noch?
Diabetiker sowie Patienten, die eine Chemotherapie hinter sich haben, sind häufiger betroffen. Ausserdem bekommen Menschen, die auf einer Seite eine Frozen Shoulder hatten, manchmal auch Probleme auf der anderen Seite. Am häufigsten tritt die Schultersteife aber ohne erkennbaren Grund auf.

«Uns fällt es heutzutage schwer, ein Leiden passiv zu ertragen.»
Karim Eid

Da Sie nun schon seit Jahrzehnten versteifte Schultern behandeln – wie haben Sie Ihre Therapie seither angepasst?
Früher habe ich mit der Infiltration, also dem Spritzen von Kortison, länger gewartet. Inzwischen ist meine Erfahrung: Je früher wir damit beginnen, desto früher ist der Spuk vorbei. Viele Patientinnen haben zunächst Vorbehalte gegen Kortison. Ich kläre sie dann umfassend darüber auf, dass es sich um ein körpereigenes, entzündungshemmendes Hormon handelt. Kortison führt schnell und risikoarm zu einer deutlichen Verbesserung. Mit der Spritze bringen wir es direkt an den Ort, an dem es wirken soll. Die Patientinnen sind sehr erleichtert, wenn sie danach endlich wieder einmal ohne Schmerzen schlafen können.

Was ist über die Ursachen der Frozen Shoulder bekannt?
Wir vermuten, dass es sich um eine Schmerzübermittlungserkrankung handelt. Ein Fehler der vegetativen Steuerungen im Gelenk, die zu einer höheren Entzündungsneigung und Schmerzwahrnehmung führen. Die genaue Ursache ist jedoch ungeklärt.

Wieder eine Enttäuschung.
(Lacht.) Wie gesagt: Die Frozen Shoulder dauert lang, aber sie geht vorbei.

Haben Sie Probleme mit der Schulter?

Unser Fachspezialistenteam rund um Karim Eid ist für Sie da. Vereinbaren Sie über Ihren Hausarzt einen Termin für eine Sprechstunde.






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