Illustration von Sportlern mit Herzinfarkt

Herzinfarkt bei jüngeren Männern: Wie aus dem Nichts

Auf dem Fussballplatz, beim Marathon oder beim Wandern: Auch aktive Menschen um die 40 können einen Herzinfarkt erleiden. Wieso bei Jüngeren das Herz zuweilen aus dem Takt gerät und wann (Hobby-)Sportler wachsam sein sollten, sagt KSB-Kardiologe Pascal Köpfli.

Herr Köpfli, in den Medien liest man immer wieder über Herzinfarkte bei Sportlern. Wieso erleidet ein 40-jähriger sportlicher Nichtraucher aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt?

Dass man zuvor keinerlei Symptome gespürt hat, kann durchaus vorkommen. In den meisten Fällen sind vorhergehend allerdings schon Krankheitsprozesse im Gange, insbesondere bei Menschen mit Risikofaktoren, auch wenn den Betroffenen diese teils gar nicht bekannt gewesen sind. Zum Beispiel genetische Faktoren oder ein symptomlos verlaufender erhöhter Blutdruck.

Ein hoher Blutdruck kommt auch bei sportlich aktiven Menschen vor?

Sport ist grundsätzlich gut für die Gesundheit, auch wenn der Blutdruck während des Sports natürlich ansteigt. Trotz Sport kommt es beim Älterwerden – verstärkt durch Risikofaktoren – zu Veränderungen in den Gefässwänden. Dazu trägt auch unser westlicher Lebensstil mit einer nicht immer optimalen Ernährung bei. Ablagerungen in Gefässen können zu Einrissen der Gefässinnenwand und im schlimmsten Fall zu einem Herzinfarkt führen.

Wenn ein sportlicher, gesunder Mensch tatsächlich keine Risikofaktoren aufweist – ist er gänzlich vor einem Herzinfarkt geschützt?

Leider nein. Gewisse Herzinfarkte können in seltenen Fällen auch Personen ohne jegliche erkennbaren Risikofaktoren treffen. Sie können teils aber auch selbstverschuldet sein – zum Beispiel als Folge von Anabolika- oder Drogenkonsum. Gefährlich ist aber nicht nur ein Herzinfarkt. Man sollte auch darauf achten, grippale Infekte gründlich auszukurieren, bevor man wieder mit dem Training beginnt. Das gilt auch, wenn man nur ein- oder zweimal pro Woche 30 Minuten joggen geht. Andernfalls kann es bei einem noch nicht ausgeheilten Infekt zu einer Entzündung des Herzmuskels kommen. Diese kann in seltenen Fällen zu einer Schädigung des Herzmuskels und schlimmstenfalls zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen.

Profisportler werden üblicherweise regelmässig medizinisch durchgecheckt. Dennoch können auch sie einen Herzinfarkt erleiden – wie kürzlich Ex-Bundesligaspieler Emil Jula oder im letzten Jahr die spanische Torwartlegende Iker Casillas.

Dass uns ein Herzinfarkt bei Fussballspielern besonders auffällt, liegt zum einen daran, dass Profisportler eine höhere mediale Präsenz haben, was die Wahrnehmung verstärkt. Gleichzeitig hat diese Gruppe aber tatsächlich ein erhöhtes Risiko, da Spitzensport eine intensive Anstrengung und teils auch Überlastung für den Körper bedeutet.

Also hatte Winston Churchill recht: Sport ist tatsächlich Mord?

Sport ist natürlich gut und wichtig, sofern man es nicht übertreibt. Denn regelmässige Bewegung vermindert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. So reguliert Sport den Blutdruck und kann die Insulinsensitivität sowie die Cholesterinwerte positiv beeinflussen.

«Leute, die sitzend arbeiten, haben tatsächlich ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko, frühzeitig zu sterben.»
Pascal Köpfli

Von Sportlerinnen mit Herzinfarkt hört man hingegen viel seltener …

Frauen vor der Menopause sind tatsächlich nur ungefähr halb so häufig vom plötzlichen Herztod betroffen wie Männer.

Weil Frauen zäher sind?

Für die Frauen spricht, dass sie häufig besser auf ihren Körper hören als Männer und vielleicht eher mal einen Lauf abbrechen, wenn sie sich nicht gut oder fit fühlen. Zudem haben die weiblichen Hormone, die Östrogene, einen schützenden Effekt auf die Gefässe. Hingegen haben männliche Hormone einen gegenteiligen Einfluss. Deshalb steigt das Herzinfarktrisiko bei Frauen nach der Menopause ebenfalls an. Auch ist das Risikoverhalten – Rauchen und übermässiger Alkoholkonsum – bei Männern generell stärker ausgeprägt.

Welche Rolle spielt Stress?   

Dauerhafte Anspannung schadet dem Körper. Dabei ist das, was wir als negativen Stress empfinden, individuell verschieden.

Unser Körper unterscheidet zwischen zwei Stressarten?

Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Gegenspielern: dem Sympathikus, der für Energie und Leistung verantwortlich ist, und dem Parasympathikus, der für die Regeneration zuständig ist. Negativer Stress bringt das Gleichgewicht durcheinander. Man schläft schlechter und hat somit weniger Erholung. Dies lässt wiederum den Blutdruck steigen und den Puls höherschlagen. Oft ernährt man sich in hektischen Zeiten auch ungesünder. Dieses Ungleichgewicht führt dazu, dass man noch schlechter schläft und schliesslich in einem Teufelskreis landet.

Gibt es eine Möglichkeit, dem Teufelskreis zu entkommen?

Man kann sich zum Beispiel nach der Arbeit bewusst eine halbe Stunde Ruhe gönnen, an die frische Luft gehen oder Sport treiben – etwas, das einem guttut und hilft, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Ein gewisses Masshalten ist allerdings wichtig, man sollte nicht in der Freizeit auch noch übermässig trainieren. So ist zum Beispiel ein Marathonlauf per se nicht gesund, da dies eine zu grosse Belastung für den Körper darstellt. Allerdings kann das massvolle Trainieren daraufhin gesund sein.

Wie halten Sie selbst Ihr Herz trotz Ihres stressigen Berufs fit?  

Ich habe Freude an der Bewegung. Das hilft mir nicht nur, gesund zu bleiben, sondern ist auch ein Ausgleich zur stressigen Arbeit. Zwischendurch gönne ich meinem Herz aber auch einfach mal etwas Ruhe, z.B. beim Musikhören oder beim sonntäglichen Zeitunglesen.

Welche weiteren Massnahmen senken das Herzinfarktrisiko?

Ziel ist es, sich moderat zu bewegen, mindestens 150 Minuten pro Woche. Bei Übergewicht sollte man möglichst das Gewicht reduzieren, sich gesund ernähren, nicht rauchen und nur wenig Alkohol trinken. Dabei sollte man beachten, dass viele Massnahmen eine Portion Motivation erfordern und daher nur erfolgreich sind, wenn sie einem nicht total gegen den Strich gehen. Eines der Hauptprobleme ist, dass Menschen, die im Büro arbeiten, laut Studien zu 97,5 Prozent inaktiv sind und sich somit im Alltag viel zu wenig körperlich anstrengen. Deshalb haben Leute, die sitzend arbeiten, tatsächlich ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko, frühzeitig zu sterben. Mein Tipp: Stehen Sie möglichst zwischendurch immer mal wieder auf und versuchen Sie, kleine Bewegungseinheiten in den Büroalltag zu integrieren.

30 000 Menschen sterben in der Schweiz jährlich an Herzproblemen. Bei welchen Symptomen sollte man wachsam sein?

Bei einem Engegefühl und Druck auf der Brust mit Ausstrahlung in Rücken oder Arm sollte man sofort den Notfall aufsuchen. Leider sind die kritischen Anzeichen aber nicht immer so klassisch, gerade bei Frauen werden sie oft verkannt. Wichtig ist, auf den Körper zu hören. Wenn man plötzlich einen Leistungsknick feststellt, an Gewicht zunimmt oder Puls und Blutdruck sich verändern, sollte man dies medizinisch abklären lassen. Auch wer bestimmte sportliche Ziele anstrebt oder nach längerer Sportpause wieder aktiv wird, sollte vorab den Hausarzt aufsuchen. Generell empfehle ich – vor allem Männern ab 40 und bei familiär bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen –, mit dem Arzt das persönliche kardiovaskuläre Risiko anzuschauen.

Die Kardiologie am KSB

Haben Sie Herzprobleme oder weitere Fragen? Wenden Sie sich an Pascal Köpfli und das Team der Kardiologie.

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