Symbolbild mit Schmerztabletten

Schmerzen, Schmerzmittel – Schmerzmittelsucht?

In den letzten Jahrzehnten sind Hunderttausende von Amerikanern an einer Überdosis Schmerzmittel gestorben. Die Opioid-Krise hat die USA stark im Griff. Lorenzo Cerletti, Leiter Schmerztherapie am KSB, über die Situation in den USA und die Problematik im Umgang mit Medikamenten.

Schmerz, lass nach! Patienten mit starken und chronischen Schmerzen sind auf Schmerzmittel angewiesen. Das Problem dabei ist unter anderem, dass einige dieser Medikamente nicht nur den Schmerz lindern, sondern auch euphorisierend wirken. Zudem können Körper und Psyche sich an die Wirkstoffe gewöhnen und Toleranzen entwickeln. Die Dosis muss also erhöht werden, damit das Präparat wirkungsvoll bleibt. Und: Setzt man ein Schmerzmittel ab, entstehen möglicherweise Entzugserscheinungen. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt respektive der gar nicht erst Einzug halten darf. Lorenzo Cerletti, Leiter der Schmerzsprechstunde am KSB, kümmert sich mit seinem Team um die Ursachen und die Therapie von Schmerzen.

Herr Cerletti, was ist generell das Problem im Umgang mit starken Schmerzmitteln wie Opioiden?

Opioide sind Substanzen, die morphinartige Eigenschaften aufweisen. Sie sind in der Schmerztherapie unverzichtbar und werden beispielsweise auch in der Anästhesie eingesetzt. Opioide werden vielerorts, mangels Alternativen, nicht nur bei schweren Krebserkrankungen, sondern auch bei chronischen Schmerzsyndromen verschrieben. Dies über längere, teils über eine zu lange Zeitdauer. Es entstehen Gewöhnungseffekte, die Schmerzmittel verlieren ihre Wirkung, die Dosen werden erhöht, was wiederum zur Abhängigkeit führen kann.

In den USA stirbt alle elf Minuten jemand an einer Opioid-Überdosis. Wie kommt es dazu?

Ein Problem in den USA ist der Schwarzmarkt. Die Medikamente werden oft über kriminelle Organisationen vertrieben und längst nicht nur zu medizinischen Zwecken verkauft. Zudem werden sie sehr aggressiv vermarktet. Bereits in den 1990er-Jahren wurden in den USA Medikamente mit nachweislich hohem Abhängigkeitspotenzial als harmlose Allzweckpillen gegen Schmerzen aller Art verkauft. Das amerikanische Gesundheitssystem begünstigt zudem die Opioid-Flut. Private Krankenversicherer wollen oft keine längerfristigen Therapien finanzieren. Stattdessen werden kurzfristige Massnahmen gefördert, sprich: es werden einfach Schmerzmittel verschrieben – gerade bei ärmeren Versicherten. Bei uns in der Schmerztherapie geht es hingegen zuerst darum, die Ursachen von Schmerzen genau abzuklären und dann die geeigneten Therapien in die Wege zu leiten.

Das Grundproblem kennen wir aber auch in der Schweiz: Schmerzmittel können unerwünschte und unangenehme Nebenwirkungen haben. Welcher Umgang damit ist nun der richtige?

In der Medizin müssen Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten immer gegeneinander abgewogen werden. Das gilt auch in der Schmerztherapie. Eine Therapie mit Opioiden muss deshalb immer eng begleitet und kontrolliert werden. Es ist zudem die Aufgabe eines Arztes, sich genau zu informieren über neue Produkte auf dem Pharmamarkt.

«Grundsätzlich geht es bei uns darum, den Einsatz von Schmerzmedikamenten möglichst kurz zu halten.»
Lorenzo Cerletti

Weshalb können Schmerzmittel ihre Wirkung verlieren?

Vereinfacht ausgedrückt: Der Körper kann sich an gewisse Wirkstoffe gewöhnen, gerade wenn Schmerzmittel zu oft und zu lange eingesetzt werden. Dass die Wirkung nachlässt, kann aber noch andere Gründe haben. In erster Linie gilt es, abzuklären, wie sich die Grundkrankheit entwickelt hat. Ist sie schlimmer geworden, wirkt das Medikament möglicherweise deshalb nicht mehr. Erst in zweiter Linie kommt die Frage nach der Toleranzentwicklung oder nach einer Sucht respektive nach weiteren Hintergründen für die Schmerzzunahme. Wichtig ist auf alle Fälle, dass die betroffene Person nicht einfach selbständig experimentiert und die Medikamentendosis erhöht. Ein Gespräch mit dem Arzt ist zwingend erforderlich.

Wo genau liegt eigentlich der Unterschied zwischen Medikamentenmissbrauch und Medikamentensucht?

Ein Missbrauch liegt dann vor, wenn jemand Medikamente ohne medizinische Notwendigkeit und in unnötigen Mengen konsumiert. Von einer Sucht spricht man, wenn beim Betroffenen ein kaum beherrschbares Verlangen nach einem Medikament und dessen Effekt auftritt. Wenn ein Patient beispielsweise in immer kürzerer Folge Rezepte einfordert oder bei anderen Therapeuten bestellt, dann wird’s gefährlich.

«Bei vielen Schmerzzuständen sind Schmerzmittel unabdingbar.»
Lorenzo Cerletti

Was tun Sie in der Schmerzsprechstunde, um die Patienten für die Gefahren von Schmerzmitteln zu sensibilisieren?

Grundsätzlich geht es bei uns darum, den Einsatz von Schmerzmedikamenten möglichst kurz zu halten. Eine entscheidende Botschaft dabei ist, Schmerzmittel nur zur Schmerzbekämpfung einzusetzen und nicht zur Aufhellung der Psyche. Die Begleitung des Patienten ist zudem wichtig, sei es durch den Hausarzt oder durch das Schmerztherapie-Team. Nicht nur, wenn die Dosis erhöht, sondern auch, wenn sie reduziert wird.

Welche Alternativen zu Schmerzmitteln gibt es?

Bei vielen Schmerzzuständen sind Schmerzmittel unabdingbar. Unterstützend können begleitende Therapien zum Zuge kommen, wie Physiotherapie oder Psychotherapie. Auch alternative Therapieformen können helfen. Ebenfalls wichtig in der Schmerztherapie ist es, Hobbys und Freizeitaktivitäten so gut wie möglich aufrechtzuerhalten.

Die Schmerzsprechstunde am KSB

Ihr Haus- oder Spezialarzt überweist Sie bei Bedarf in die Schmerzsprechstunde am KSB. Erfahren Sie, welche Krankheitsbilder in der ambulanten Schmerzsprechstunde abgeklärt und behandelt werden können.






War dieser Artikel nützlich für Sie?
Ja Nein

Sie haben für diesen Artikel abgestimmt.

Sie haben gegen diesen Artikel gestimmt.

Newsletter Anmeldung