Wann man sich gegen Grippe impfen lassen sollte.

Grippeimpfung – ja oder nein?

Dr. Andrée Friedl, Leitende Ärztin Infektiologie/Spitalhygiene am KSB, erklärt im Interview, wer sich gegen die Grippe impfen lassen sollte, und warum die Grippe gefährlicher ist, als viele Leute annehmen.

Frau Dr. Friedl, laut Studien lässt sich nur ein Drittel der Risikogruppen impfen. Wer sollte sich unbedingt impfen lassen?

Zum einen die Menschen, die sich dringend aus eigenem Interesse impfen lassen sollten. Zum anderen aber auch diejenigen, die niemanden in ihrem Umfeld aus den Risikogruppen anstecken dürfen. Zu den Risikogruppen gehören über 65-Jährige, Schwangere, Frühgeborene, Menschen mit chronischen Zusatzerkrankungen des Herzes, Diabetiker, Nieren- sowie Leberpatienten und Frauen, die in den vergangenen vier Wochen ein Kind bekommen haben. Auch Patienten, die beispielsweise aufgrund einer Chemotherapie oder einer Medikamenteneinnahme bei Rheuma eine Störung des Immunsystems haben, sollten sich unbedingt impfen lassen. Ausserhalb der Risikogruppen empfehlen wir vor allem Familienmitgliedern sowie Personal von Spitälern und Pflegeheimen eine Grippeimpfung, um die oben genannten Menschen zu schützen.

Woran liegt es, dass sich nicht alle impfen lassen?

Eine kleine Gruppe von Menschen lässt sich aus Prinzip gegen nichts impfen – die ist aber nicht das Problem. Viele wissen gar nicht, dass sie geimpft werden sollten. Das ist vor allem bei den Senioren und den Schwangeren der Fall. Andere glauben nicht, dass eine Impfung etwas nützt.

Welche Argumente hören Sie in Ihrem Berufsalltag gegen eine Grippeimpfung?

Ich höre oft Patienten, die sagen: «Ich habe noch nie die Grippe gehabt, und deswegen brauche ich auch jetzt keine Impfung.» Sie schätzen die Grippe als nicht gefährlich genug ein. Häufig verstehen Menschen nicht, was eine Grippe bedeuten kann. Das hängt auch mit dem Begriff der Erkrankung zusammen. Wir sprechen zwar von Grippe, doch viele nutzen den Begriff bereits bei jeder stärkeren Erkältung. Deswegen bevorzuge ich den Begriff Influenza, wenn ich die echte Grippe meine.

«Häufig verstehen Menschen nicht, was eine Grippe bedeuten kann.»
Dr. Andrée Friedl

Welches sind die Symptome einer echten Grippe?

Typisch ist das plötzliche Beginnen verschiedener stärkerer Symptome: höherem Fieber, Frieren, Kopfschmerzen, Hals- und Schluckweh sowie Schwindel und Muskelschmerzen sind charakteristisch. Das kann dann alles recht lang andauern.

Wie ansteckend ist eine Grippe?

Sehr ansteckend, und das häufig schon, bevor die ersten Symptome auftreten. In den ersten sieben Tagen der Krankheit ist die Ansteckungsgefahr am höchsten. Mit dem Verlauf der Krankheit nimmt sie dann ab.

Welche fatalen und unterschätzten Folgen kann eine Influenza haben?

Eine echte Influenza verläuft deutlich schwerer und länger als eine Erkältung. Dieser Virus kann direkt eine darauffolgende Lungenentzündung verursachen oder auch die Herzfunktion stark angreifen. Die Influenza kann Hirn- und Mittelohrentzündungen begünstigen. Vor allem ältere Patienten brauchen sehr lange, um sich von einer Influenza zu erholen. Doch auch jüngere Menschen leiden an einer echten Grippe häufig einen Monat.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich weltweit bis zu einer halben Million Menschen an der Grippe. In der Schweiz bedeutet das hunderte bis tausend Todesfälle pro Jahr.

Blickt man auf die Todesfälle, ist die Grippe sicherlich eine der gefährlicheren Erkrankungen. Auch wir am KSB haben jährlich Grippe-Todesfälle.

Kann man sich auch trotz Impfung mit einem Grippevirus infizieren?
Man kann zwar noch eine Grippe bekommen, doch diese ist wesentlich schwächer und dauert nicht lange. Vor allem treten weniger Komplikationen wie Lungenentzündungen auf.

Man entnimmt den Medien manchmal, dass ein Grippeimpfstoff nicht immer passt. Woran liegt das?

Der Impfstoff muss sehr genau zugeschnitten sein, damit er wirkt. Doch Jahr für Jahr wandeln und verändern sich die Viren. So muss auch der Impfstoff immer weiter verändert werden. Daher kann es vereinzelt passieren, dass wir gegen etwas impfen, das so nicht im Umlauf ist. Das hat auch mit der frühzeitigen Herstellung des Grippeimpfstoffs zu tun. Denn bereits ein halbes Jahr vorher treffen sich internationale Gremien, um diesen aufgrund ihrer Forschung zu bestimmen. Man muss also weit im Voraus erkennen können, in welche Richtung sich der Virus in der kommenden Saison entwickelt. In der Regel funktioniert dies sehr gut.

Wann sollte man sich am besten impfen lassen?

Meine Empfehlung lautet, sich im November gegen die Grippe impfen zu lassen. Frühestens Ende Oktober. Spätestens, wenn die Grippewelle voll im Rollen ist. Nachher ergibt es für die meisten keinen Sinn mehr. Die Grippewelle startet irgendwann zwischen Dezember und April. Optimal wäre es also, wenn man dann eine Wirkung der Impfung hat. Diese sollte aber auch nicht schon wieder abgeschwächt sein. Der Impfstoff wirkt höchstens bis zu sechs Monate.

«Blickt man auf die Todesfälle, ist die Grippe sicherlich eine der gefährlicheren Erkrankungen.»
Dr. Andrée Friedl

Wann wirkt die Impfung?
Die Impfung wirkt nach zehn Tagen. Es braucht eine einzige Dosis pro Jahr.

Welche Nebenwirkungen kann die Impfung haben?
Hauptnebenwirkung der Grippeimpfung ist – wie bei jeder Impfung –, dass es rund um die Einstichstelle ein wenig anschwillt und gerötet ist. Selten kann es vorkommen, dass sich der Geimpfte ein paar Tage etwas geschwächt fühlt. Ausserdem kann es ein Muskelkatergefühl im Oberarm geben. Noch viel seltener kann Fieber auftreten. Was allerdings die Grippeimpfung auf keinen Fall auslöst, ist eine Grippe oder Erkältung.

Warum glauben dies aber so viele Menschen?

Die Grippeimpfung ist ein sogenannter Totimpfstoff und kann somit keine Erkrankung nach sich ziehen. Wir impfen aber zu einem Zeitpunkt, an dem die ersten Erkältungen schon im Umlauf sind. Daher glauben viele, dass eine Erkrankung mit der Impfung zusammenhängt. Dies ist aber purer Zufall.

Inwiefern hat eine Grippeimpfung für Sie etwas mit Solidarität zu tun?

Gerade gegenüber den Patienten mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko haben gesunde Personen eine gewisse Verantwortung. Auch, weil die Grippeimpfung bei gesunden Personen besser wirkt als bei einigen der Risikogruppen. So wie sich Angehörige oder Pfleger in anderen Lebensbelangen um Risikogruppen kümmern, sollten sie es auch im Hinblick auf die Grippe machen und sich impfen lassen.

Inwiefern profitieren Nichtimpfer von einer hohen Durchimpfrate?

Wenn sehr viele Menschen geimpft sind, profitieren selbstverständlich auch die Nichtimpfer. Dies sind aber nicht nur Ablehner. Dazu gehören auch Menschen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können. Dieser indirekte Schutz ist wichtig. Da wir allerdings den grössten Teil der Schweizer Bevölkerung nicht gegen Grippe impfen, gibt es keine konkreten Zahlen zum Erfolg einer hohen Durchimpfrate. In Japan zeigte eine Studie, in der auch die Kinder gegen Grippe geimpft wurden, dass wesentlich weniger Grosseltern hospitalisiert wurden.

Wäre das in der Schweiz denkbar?

Ich wäre schon froh, wenn sich alle, die zu einer Risikogruppe gehören oder mit Risikogruppen im Alltag zu tun haben, gegen Grippe impfen liessen. Die Zahl der Grippeansteckungen mit hohen Komplikationen und Todesfällen liesse sich so schon verringern. Doch auch in der Pflege ist da noch sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Immer mehr Unternehmungen bieten eine kostenlose Grippeimpfung während der Arbeitszeit an. Was halten Sie davon?

Uns geht es primär um die Impfung der Risikogruppen und derer geht, die mit ihnen im Kontakt stehen. Dennoch ist die Impfung gesunder Menschen eine sehr gute Sache. Für die Menschen selbst, ihre Arbeitgeber und natürlich im ÖV-Land Schweiz auch für die Gesellschaft – eine Win-win-Situation.






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