Pflegefachfrau Hanna Baumgartner betreut einen Patienten

Auf der Nachtschicht im elften Stock

Wir spüren der Stimmung einer Nachtschicht nach. Unsere Reportage begleitet zwei Pflegekräfte, die helfen und betreuen, wenn andere schlafen. Ein Erfahrungsbericht aus dem KSB.

2 Uhr nachts, 11. Stock im KSB-Gebäude, Abteilung «112 Palliativ/Onkologie». Pflegefachfrau Hanna Baumgartner steckt mitten in ihrem Nachtdienst. Sie öffnet vorsichtig die Tür zu Zimmer 17. Es ist ein Zweibettzimmer, auf der Toilette brennt das Licht. «Herr Bucher*, soll ich Ihnen ins Bett helfen?», flüstert sie. «Ja, gerne», antwortet der ältere Herr. Nur eine kleine Lampe in Hanna Baumgartners Oberteiltasche spendet ein wenig Licht. Mit gutem Grund: Die anderen Patienten sollen nicht geweckt werden. An Hanna Baumgartners Arm findet er den Weg zurück ins Bett. «Schlafen Sie gut», raunt die Pflegefachfrau ihrem Patienten zu und schliesst die Tür.

Hanna Baumgartners Erfahrungen mit dem Nachtdienst

Hanna Baumgartner arbeitet gerne nachts. «Es ist ruhiger als tagsüber.» Im Früh- und Spätdienst arbeitet auf der Station 112 mit den Lernenden und Studierenden mehr Personal als in der Nacht. «Nachts hat man einen besseren Überblick, aber auch mehr Verantwortung.» Dass sie mal einen Job in der Pflege lernen würde, wusste die 26-Jährige schon als Kind. Später liess sie sich zur Pflegefachfrau ausbilden und erweiterte ihre Fachkenntnisse in Palliative Care durch entsprechende Weiterbildungen. «Ich bekomme durch meine Arbeit viel Dankbarkeit zurück. Das ist eine grosse Genugtuung.»

Im Nachtdienst kontrolliert die Pflege alle zwei Stunden

Der Nachtdienst beginnt im KSB um 22 Uhr 40. Der Spätdienst rapportiert dann jeweils an die Pflegefachpersonen der Nachtschicht. Heute sind das Hanna Baumgartner und Leonie Hunziker. In dieser Nacht sind sie ein Team und für die Patienten auf der Station 112 zuständig. Um Mitternacht hatte Hanna Baumgartner bereits ihre erste «Runde» absolviert. Sie begrüsst ihre noch wachen Patienten und wünscht ihnen eine gute Nacht. Anderen hilft sie auf die Toilette, betreut sie oder bringt ihnen bei Bedarf Medikamente.

«Nachts hat man einen besseren Überblick, aber auch mehr Verantwortung.»
Hanna Baumgartner, Pflegefachfrau

Mindestens alle zwei Stunden gehen die Pflegefachpersonen in der Nacht durch alle Zimmer. Sie sorgen für die Sicherheit der Patienten, prüfen Infusionen oder lagern Patienten um, was Wundliegen verhindert. Jetzt, um 2 Uhr, schlafen die meisten. In Zimmer 18 bleibt Hanna in der Mitte stehen: «Ich prüfe, ob sie atmen», erklärt sie. Aus dem Zimmer nebenan ertönt wohlig lautes Schnarchen. Ein gutes Zeichen, findet die Pflegefachfrau.

Patienten trauen sich nicht zu läuten

Kurz vor 3 Uhr gibt es Bewegung auf Station 112. Ein Patient aus der Notaufnahme kommt ins Zimmer 15. «Wenn Sie Schmerzen haben, melden Sie sich, ja?», sagt sie zum Patienten. Viele würden sich in der Nacht nicht trauen, den Knopf fürs Läuten zu drücken. «Sie wollen nicht stören. Aber dafür sind wir ja da», sagt sie und lächelt.

Vorbereiten für den Frühdienst

Derweil arbeitet Leonie Hunziker an der Dokumentation ihrer Patienten. Im elektronischen Patientendossier ergänzt sie die durchgeführten Massnahmen und notiert ihre Beobachtungen. Hanna Baumgartner schätzt es, dass sie zu zweit sind. Damit hat sie im Nachtdienst gute Erfahrungen gemacht. So könne man sich austauschen und gegenseitig unterstützen. «Wenn die Patienten Hilfe brauchen, müssen sie selten warten.»

Es piept, jemand hat den Rufknopf gedrückt. Es ist einer der neuen Patienten aus Zimmer 15. Sein Bein schmerzt. Hanna Baumgartner bringt ihm einen Eisbeutel und versorgt ihn mit einer Infusion gegen die Schmerzen. Der Patient im Nebenbett wird davon wach und muss zur Toilette. Hanna Baumgartner begleitet ihn.

Zurück im Stationszimmer kontrollieren die beiden Pflegefachpersonen den Bestand der starken Schmerzmittel. Diese sind in einem Tresor eingeschlossen. Auf die Tablette genau abgezählt, trägt das Team Hanna und Leonie die gesamte Stückzahl in einer Liste ein. Auch das Bereitstellen der Pflegewagen für den Tagdienst oder das Planen der Gewichtskontrolle gehören zu den Aufgaben, die sie nebenbei erledigen müssen.

Der Nachtdienst endet, wenn für andere der Tag beginnt

Um 4 Uhr steht die nächste Runde an. In Zimmer 17 piept ein Infusomat – das Gerät, das die Infusion dosiert. Der Beutel ist leer. Alle anderen Patienten auf der Station schlafen. Um 6 Uhr geht Hanna Baumgartner zum letzten Mal in jedes Patientenzimmer. Kurz vor 7 Uhr übergibt sie an den Frühdienst. Draussen ist es schon hell, und die ersten Vögel zwitschern. Hanna Baumgartner macht sich auf den Heimweg. Sie wird bis um etwa 3 Uhr nachmittags schlafen, dann frühstücken. Vielleicht geht sie noch schwimmen oder einkaufen. Dann beginnt schon bald der nächste Nachtdienst.

Das bedeutet Palliativ

Palliativ heisst, dass die Patienten an einer unheilbaren Krankheit leiden. Aufgabe von Ärzten und Pflegefachpersonen ist deshalb das Lindern der Symptome. Oft sind dies Schmerzen, Atemnot oder Verwirrtheit. Palliativ bedeutet aber nicht, dass die Patienten in den nächsten Tagen sterben: Manche gehen nach dem Spitalaufenthalt wieder nach Hause und leben noch einige Wochen, Monate oder sogar Jahre. Aber das Sterben gehört auf dieser Station dazu.

Wenn ein Patient auf der Station stirbt, verabschiedet sich das Behandlungsteam mit einem Ritual von ihm.

*Name geändert

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