Pflegefachfrau Hanna Baumgartner betreut einen Patienten

Nachtdienst: Die Pflege ist hellwach

Von Notfällen, Schlafenden und einem Tresor: Der Nachtschicht-Report aus dem KSB gibt Einblick in den Alltag einer Pflegefachfrau. Es bleibt keine Zeit, müde zu werden.

2 Uhr nachts, 11. Stock im KSB-Gebäude, Abteilung «112 Palliativ/Onkologie». Pflegefachfrau Hanna Baumgartner öffnet vorsichtig die Tür zu Zimmer 17. Es ist ein Zweibettzimmer, auf der Toilette brennt das Licht. «Herr Bucher*, soll ich Ihnen ins Bett helfen?», fragt sie flüsternd. «Ja, gerne», hört man eine Stimme von hinter der Tür antworten. Der ältere Herr hakt sich bei ihr unter, in kleinen Schritten tappen die beiden im dunklen Zimmer zum Bett. Nur eine kleine Lampe in Hanna Baumgartners Oberteiltasche spendet ein wenig Licht. Die anderen Patienten sollen wenn möglich nicht geweckt werden. «Schlafen Sie gut», flüstert Hanna Baumgartner, verlässt das Zimmer leisen Schrittes und schliesst die Tür.

Auf dem Flur tippt sie einen Vermerk in den Laptop. Die Dokumentation zu allen Patienten ist in einem System gespeichert. So kennen alle Dienste die nötigen Informationen zu den Patienten. Das Telefon klingelt. In etwa einer Stunde soll ein Mann von der Notaufnahme auf die Station verlegt werden. Er wird das vierte Bett in Zimmer 15 belegen.

Kontrolle alle zwei Stunden

Der Nachtdienst beginnt am KSB um 22 Uhr 40. Der Spätdienst rapportiert dann jeweils an die Pflegefachpersonen der Nachtschicht. Heute sind das Hanna Baumgartner und Leonie Hunziker. Letztere ist Fachfrau Gesundheit. Gemeinsam sind sie in dieser Nacht für die Patienten auf der Station 112 zuständig. Um Mitternacht hatte Hanna Baumgartner bereits ihre erste «Runde» absolviert. Das heisst: Sie begrüsst ihre noch wachen Patienten und wünscht ihnen eine gute Nacht. Anderen hilft sie auf die Toilette, betreut sie oder bringt ihnen bei Bedarf Medikamente.

Mindestens alle zwei Stunden gehen die Pflegefachpersonen in der Nacht durch alle Zimmer und schauen nach dem Rechten. Sie sorgen für die Sicherheit der Patienten, prüfen Infusionen oder lagern Patienten um. Das verhindert Wundliegen. Jetzt, um 2 Uhr, schlafen die meisten. In Zimmer 18 bleibt sie in der Mitte stehen und wendet sich kurz jedem der beiden Patienten einzeln zu. «Ich prüfe, ob sie atmen», erklärt sie. Bei Zimmer 19 weiss sie Bescheid, sobald die Tür nur einen Spalt breit offen ist: wohliges Schnarchen.

Neue Patienten aus der Notaufnahme

Es ist kurz vor 3 Uhr. Eine Pflegefachperson schiebt ein Bett durch den Flur ins Zimmer 15. Darin liegt der Patient aus der Notaufnahme. Hanna Baumgartner begrüsst ihn. «Wenn Sie Schmerzen haben, melden Sie sich, ja?», sagt sie zum Patienten. Viele würden sich in der Nacht nicht trauen, den Knopf fürs Läuten zu drücken. «Sie wollen nicht stören. Aber dafür sind wir ja da», sagt sie und lächelt.

Kurz darauf folgt ein zweiter Patient aus der Notaufnahme. Er kommt auch im Zimmer 15 unter. Nun ist die Station 112 voll belegt. Hanna Baumgartner versorgt den Patienten mit einer neuen Infusion gegen Schmerzen.

Vorbereiten für den Frühdienst

Im Stationszimmer arbeitet Leonie Hunziker an der Dokumentation ihrer Patienten. Im elektronischen Patientendossier ergänzt sie die durchgeführten Massnahmen und notiert ihre Beobachtungen. Hanna Baumgartner schätzt es, dass sie zu zweit sind. So könne man sich austauschen und gegenseitig unterstützen. «Wenn die Patienten Hilfe brauchen, müssen sie selten warten.» Diese Nacht ist eher ruhig. Aber das könne sich schon morgen ändern.

Es piept, jemand hat den Rufknopf gedrückt. Es ist einer der neuen Patienten aus Zimmer 15. Sein Bein schmerzt. Hanna Baumgartner bringt ihm einen Eisbeutel und versorgt ihn mit einer Infusion gegen die Schmerzen. Der Patient im Nebenbett wird davon wach und muss zur Toilette. Hanna Baumgartner begleitet ihn.

Zurück im Stationszimmer kontrollieren die beiden Pflegefachpersonen den Bestand der starken Schmerzmittel. Diese sind in einem Tresor eingeschlossen. Auf die Tablette genau abgezählt, tragen sie die gesamte Stückzahl in einer Liste ein. Diese Aufgabe erledigt auf der Station 112 immer der Nachtdienst. Ebenso das Bereitstellen der Pflegewagen für den Tagdienst oder das Planen der Gewichtskontrolle.

Einschlafen zu Vogelgezwitscher

Hanna Baumgartner arbeitet gerne nachts. «Es ist ruhiger als tagsüber.» Im Früh- und Spätdienst arbeitet auf der Station 112 mit den Lernenden und Studierenden mehr Personal als in der Nacht. «Nachts hat man einen besseren Überblick, aber auch mehr Verantwortung.» Dass sie mal einen Job in der Pflege lernen würde, wusste die 26-Jährige schon als Kind. Später liess sie sich zur Pflegefachfrau ausbilden und erweiterte ihre Fachkenntnisse in Palliative Care durch entsprechende Weiterbildungen. «Ich bekomme durch meine Arbeit viel Dankbarkeit zurück. Das ist eine grosse Genugtuung.»

Um 4 Uhr steht die nächste Runde an. In Zimmer 17 piept ein Infusomat – das Gerät, das die Infusion dosiert. Der Beutel ist leer. Alle anderen Patienten auf der Station schlafen. Um 6 Uhr geht Hanna Baumgartner zum letzten Mal in jedes Patientenzimmer. Kurz vor 7 Uhr übergibt sie an den Frühdienst. Draussen ist es schon hell, und die ersten Vögel zwitschern. Hanna Baumgartner macht sich auf den Heimweg. Sie wird bis um etwa 3 Uhr nachmittags schlafen, dann frühstücken. Vielleicht geht sie noch schwimmen oder einkaufen. Dann beginnt schon bald der nächste Nachtdienst.

Das bedeutet Palliativ

Palliativ heisst, dass die Patienten an einer unheilbaren Krankheit leiden. Aufgabe von Ärzten und Pflegefachpersonen ist deshalb das Lindern der Symptome. Oft sind dies Schmerzen, Atemnot oder Verwirrtheit. Palliativ bedeutet aber nicht, dass die Patienten in den nächsten Tagen sterben: Manche gehen nach dem Spitalaufenthalt wieder nach Hause und leben noch einige Wochen, Monate oder sogar Jahre.

Wenn ein Patient auf der Station stirbt, verabschiedet sich das Behandlungsteam mit einem Ritual von ihm. Sie schreiben den Namen in ein Buch und zünden eine Kerze an. Regelmässig findet zudem eine Supervision statt. Dabei tauschen sich alle Pflegenden über Erlebnisse aus, die sie beschäftigen. «Ich bin der Meinung, dass man sterben darf, wenn es so weit ist», sagt Hanna Baumgartner. Diese Einstellung helfe ihr, den Tod als Teil des Lebens zu sehen.

*Name geändert

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