Situation der Palliative Care: Nahaufnahme zweier sich berührenden Hände, eine gehört der Patientin, die andere ist von einer Pflegenden.

Palliative Care: Letzte Wünsche erfüllen

Manche Menschen realisieren erst auf dem Sterbebett, welche Dinge wirklich wichtig sind. Das Team Palliative Care des KSB versucht, ihre letzten Wünsche zu erfüllen. Hans-Rudolf Räz, Leiter Ethikforum, erzählt, was Menschen sonst noch hilft, friedlich zu sterben.

Wieder gesund werden: Dieser Wunsch ist für Patientinnen und Patienten im Spital zentral. In den meisten Fällen können ihn die KSB-Mitarbeitenden erfüllen. Das ist auf der Station 112 der Palliative Care anders: Wer hierhin verlegt wird, leidet an lebensbedrohlichen, unheilbaren oder chronisch fortschreitenden Krankheiten. «Den Wunsch nach Heilung können wir hier leider nicht mehr erfüllen», sagt Annett Ehrentraut, Leiterin Palliative Care am KSB.

Das Ziel des Palliative-Care-Teams ist denn auch ein anderes: «Wir betreuen unsere Patienten nach einem umfassenden Ansatz. Wir versuchen, ihre Schmerzen zu lindern, und die Zeit, die ihnen bleibt, so erträglich wie möglich zu gestalten.» Das Team der Palliative Care kann dafür auf einen grossen Kreis an Spezialisten zählen: Physiotherapeuten und -therapeutinnen gehören ebenso dazu wie Psychologen, Logopäden, Ergotherapeuten, Musiktherapeuten oder Seelsorger.

Bei Palliative Care zählt die Lebensqualität

Annett Ehrentraut fasst das Ziel der Palliative Care mit einem Wort zusammen: «Lebensqualität». Das bedeutet für jeden etwas anderes. Manchmal geht es darum, Symptome wie Übelkeit und Erbrechen zu bekämpfen. Manchmal geht es um Hilfe bei der Entscheidungsfindung der Patienten: Welche Behandlung sollen sie noch beginnen? Wann soll man sie abbrechen?

Viele Probleme und Sorgen der Patienten drehen sich aber um ganz andere Dinge: Kann ich Angehörige, zu denen ich keinen Kontakt mehr hatte, nochmals sehen? Wer kümmert sich in Zukunft um meine Kinder? Wie kann ich meine finanziellen Probleme lösen? «Wir versuchen, die Patienten da abzuholen, wo sie im Moment stehen», formuliert es Stationsleiterin Eveline Dätwyler. «Dabei hilft es, dass wir von verschiedenen Seiten her mit den Patienten in Kontakt treten können. Manche besprechen etwas lieber mit einem Arzt, andere fühlen sich freier im Gespräch mit jemandem vom Pflegeteam.» Oft sind Patienten und Angehörige schon sehr erleichtert, wenn ihnen die KSB-Mitarbeitenden den Verlauf des letzten Lebensabschnitts aufzeigen können.

Hans-Rudolf Räz über Sterben, Konflikte und das Leben

Das Ethikforum des KSB ist ein beratendes Gremium von Spezialisten verschiedener Bereiche: Pflegepersonal, Ärzte, Seelsorger, eine Personalvertreterin. Hans-Rudolf Räz leitet das Ethikforum. Es initiiert und fördert die Diskussion ethischer Fragen. Ausserdem begleitet es Ärzte und Angehörige bei schwierigen Entscheiden.

Herr Räz, Sie sind Leiter des Ethikforums. Wann werden Sie beigezogen?

Wir vermitteln vor allem in Konfliktsituationen. Häufig entstehen diese, wenn das Betreuungsteam aus Ärzten und Pflegenden zum Schluss kommt, dass medizinische Therapien den gesundheitlichen Zustand des Patienten nicht mehr verbessern. Dann empfehlen sie, das Therapieziel auf palliativ zu ändern. Damit haben Angehörige oft mehr Mühe als die Betroffenen selbst. Wichtig: Wir fällen keine Entscheide, sondern moderieren die Entscheidungsfindung. Wir sprechen beispielsweise mit Betroffenen oder eben auch Angehörigen über die ausweglose Situation. Wir erklären, dass weitere Therapien mehr schaden als nützen, oder organisieren manchmal auch weitere Spezialisten für eine Zweitmeinung.

Welche Entscheidungen fallen Ihnen besonders schwer?

Ich betreute mal einen schwer depressiven Patienten. Er hätte eine lebensrettende Operation benötigt, lehnte diese aber ab. Da stellte sich die Frage: Können wir seinen Willen akzeptieren, oder wäre eigentlich zunächst eine psychiatrische Therapie nötig? Die Zeit drängte aber, und wir hätten ihn zwangsoperieren müssen. Wir sahen davon ab. Kurz darauf verstarb er. So eine Situation ist allerdings selten. Viel häufiger beschäftige ich mich mit Krebspatienten. Schwierig wird es oft, wenn die Betroffenen auf experimentelle Therapien hoffen. Meist ist es nicht möglich, eine solche Therapie anzubieten, und noch häufiger sind sie für die Betroffenen nicht geeignet. Auch bei Patienten mit einer starken Hirnverletzung oder bei alten, gebrechlichen Leuten ist es oft schwierig abzuschätzen, welche Massnahmen wir ihnen mit gutem Gewissen noch zumuten können.

Welche Umstände erleichtern Menschen das Sterben?

Mühe mit dem Sterben haben häufig nicht die Betroffenen selbst, sondern die Angehörigen. Sie können oft schlechter loslassen. Ein Grund ist, dass sie weiter weg sind vom Geschehen und deshalb die Situation nicht oder nur schwer akzeptieren können. Meistens helfen Gespräche, bei denen wir ihnen transparent und offen die Lage ihrer Liebsten erklären. Das fördert das Verständnis für die Situation. Eine Hürde dabei ist, dass in einer solchen Ausnahmesituation viele das verstehen, was sie verstehen wollen. Nicht aber, was wirklich ist – vieles wird verdrängt. Häufig ist es ein Prozess von mehreren Tagen oder Wochen, bis sie die Realität sehen, wie sie ist.

Sie haben häufig mit schwierigen Schicksalen zu tun. Wie gehen Sie damit um?

Ich behandle die Personen nicht selbst und werde nur beigezogen, wenn es mich aus ethischer Sicht braucht. Das macht es mir etwas leichter. Was mich am stärksten belastet, sind Anschuldigungen mancher Angehörigen. Ich denke, da spielt oft auch das Gefühl mit, ausgeliefert und hilflos zu sein. Angehörige wollen natürlich, dass die Betroffenen wieder nach Hause kommen – und gehen oft zu lange davon aus. Es ist dann eine heftige Wende, wenn klar wird, dass medizinisch nichts mehr zu machen ist. Deshalb ist es auch von unserer Seite her wichtig, immer schnell und offen zu kommunizieren. So können sich alle besser auf das vorbereiten, was kommt.

Gibt es auch schöne Momente auf der Palliative Care?

Ja, klar. Ein gutes Gespräch beispielsweise ist sehr befriedigend, zum Beispiel, wenn ich Fragen beantworten und Ängste nehmen konnte. Es ist mir wichtig, alle Beteiligten adäquat zu begleiten und einen gemeinsamen Weg zu finden. Denn auch wenn jemand stirbt und von seinen Leiden erlöst wird, kann das etwas Schönes sein.

Was lernen Sie im Umgang mit dem Tod über das Leben?

Dass man dankbar sein muss, wenn man gesund ist. Es braucht oftmals so wenig, und dann ist man weg vom Fenster – das sieht man ja auch bei Covid. Ich bin jetzt in einem Alter, wo Beschwerden einfach dazukommen. Das ist die Realität. Deshalb dünkt es mich wichtig, zu geniessen, was möglich ist.

Die Wünsche der Sterbenden sind meist bescheiden

Der Gesprächsbedarf von Patienten auf der Station 112 ist meist sehr gross. «Uns geht es darum, ein Vertrauensverhältnis zu den Patienten aufzubauen, damit sie uns sagen können, was sie wirklich bewegt», sagt Annett Ehrentraut. Oft sind es letzte Wünsche, die die Patienten erfüllt haben möchten, bevor sie endgültig gehen. Diese können gewichtig sein, etwa den Partner in letzter Minute heiraten, um ihn abzusichern. In der Regel sind es aber verhältnismässig bescheidene Wünsche: das Haustier nochmals streicheln, die Familie zu einem letzten Fondue-Essen im Spital versammeln, sich von einem Saxofonisten ein bestimmtes Stück spielen lassen, nochmals für ein paar Stunden in die eigene Wohnung zurückkehren, sich an einem schönen Blumenstrauss erfreuen oder sich nochmals die Sonne auf die Haut scheinen lassen.

«Es sind selten völlig exotische Wünsche, die unsere Patienten äussern», berichtet Annett Ehrentraut. «Oft sind es Grundbedürfnisse oder Dinge, die einen hohen emotionalen Wert haben.» Der Geschmack eines bestimmten Gerichts kann Erinnerungen an schöne Momente wecken, eine Aussprache zum Seelenfrieden der Patienten beitragen. «Wir versuchen, möglichst alle Wünsche zu erfüllen», sagt Annett Ehrentraut, «auch wenn es nicht immer leicht ist, etwas in kurzer Zeit zu organisieren.»

Der Blick auf das Leben verändert sich

Was zählt am Ende wirklich? Diese Frage stellen sich auch die KSB-Mitarbeitenden auf der Palliative-Care-Station selbst immer wieder. «Bei der Arbeit hier kann man viel über das Leben lernen», sagt Eveline Dätwyler. «Der Blick auf die Welt und die eigene Endlichkeit verändert sich.» Annett Ehrentraut ergänzt: «Unser Job ist dankbar durch die meist sehr intensive und persönliche Beziehung zu den Patienten.» Wenn auf der Station 112 Wünsche in Erfüllung gehen, treten Schmerzen und die Angst vor dem Tod in den Hintergrund – manchmal werden sie sogar durch ein herzhaftes Lachen von Patienten und Betreuern ersetzt. Wenigstens für den Moment.

Palliative Care am KSB

Die Palliative Care umfasst die Betreuung und Behandlung von Menschen mit unheilbaren Krankheiten. Bei Fragen dazu geben Ihnen die Experten des KSB gerne Auskunft.

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