Das Tintenfisch-Spielzeug wurde für Frühgeborene konzipiert, damit sie mit ihrem natürlichen Greifreflex nicht an den Kabeln der Sonden spielen.

Früh geboren, früh geborgen

Auf der Neonatologie stehen Frühgeborene immer im Mittelpunkt. Mit Pflegefachfrau Stefanie Tüscher auf der Station des KSB, die sich den Allerkleinsten widmet.

Die Fenster sind liebevoll mit buntem Herbstlaub dekoriert. Von der Decke baumeln gebastelte Drachen, an den Wänden hängen Postkarten mit Danke-Aufschrift: Noch ist es still auf der Neonatologie des Kantonsspitals Baden, viele der kleinen Patienten schlafen. Doch nach und nach öffnet sich die Tür des grossen und hellen Raums. Mütter kommen herein – teils in Schlafanzügen, weil sie im Spital auf anderen Stationen übernachten, teils in Strassenkleidung, weil sie von zu Hause kommen. Sie bringen nicht nur Flaschen mit Muttermilch mit, die sie routiniert und beschriftet in den dafür vorgesehenen Kühlschrank stellen, sondern auch eine Zärtlichkeit, die in jeder Bewegung, jedem Wort und jeder Berührung steckt, die sie von nun an ihrem Kind widmen. An ihrer Seite: die Pflegefachfrauen. Sie versorgen auf der Neonatologie des KSB Frühgeborene ab der 32. Schwangerschaftswoche und Neugeborene mit medizinischen Problemen wie Infektionen oder Atemproblemen.

Loben und ermuntern

Mit Schläuchen und Sonden verbunden, liegen die Babys unter ihren bunten Decken. Zum Trinken und Wickeln müssen die Pflegefachfrauen und Mütter sie wecken. «Du machst das sehr gut», sagt Stefanie Tüscher mit sanfter Stimme zum kleinen Leon, der langsam wach wird, und streichelt ihm liebevoll über sein Köpfchen. Überhaupt lobt Pflegefachfrau Tüscher sehr viel – auch Leons Mutter, die sich grosse Sorgen um das Trinkverhalten ihres drei Tage alten Buben macht. Weil Leon nicht ausreichend trinkt, pflegt man ihn – obwohl termingerecht geboren – auf der Neonatologie. Hier ist Leon mit seinen 47 Zentimetern und 2440 Gramm auf den ersten Blick eher ein grosses Baby.

In unmittelbarer Nähe zur Mutter

Die kleine Marla kam bereits im August auf die Welt, ist mittlerweile 61 Tage alt und konnte ihr Geburtsgewicht von 660 Gramm verdoppeln. Da Marla in der 27. Schwangerschaftswoche zur Welt kam, gehört sie zu den Babys, die vollständiges Monitoring brauchen: Atmung, Puls – alles wird überwacht. «Bis vor zwei Wochen waren wir noch im Zürcher Unispital, nun konnten wir nach Baden. Für mich sind es jetzt nur noch zehn Minuten Weg zur Kleinen. Viel weniger Stress», erklärt Marlas Mutter. Die Neonatologie im KSB versorgt Frühgeborene ab der 32. Schwangerschaftswoche – Umverlegungen aus Zürich sind keine Seltenheit. Die Lage und die Ausstattung der Abteilung im KSB ermöglichen eine optimale medizinische Versorgung der Babys mit beispielsweise Fototherapie und nichtinvasiver Atemunterstützung in unmittelbarer Nähe zur Mutter.

Spezialgebiet Frühgeborene

«Jede Geburt ist ganz individuell und muss auch individuell angesehen werden – darauf sind wir spezialisiert», sagt Stefanie Tüscher. Es ist ein starkes Zusammenspiel mit dem Kinderarzt, der unmittelbar nach der Geburt sekundenschnell entscheiden und Aufgaben delegieren muss. «Wir achten währenddessen unter anderem darauf, ob es die Frühgeborenen warm genug haben – sie haben ein erhöhtes Risiko, auszukühlen. Für einen guten Start ins Leben sorgen oftmals ganz banalklingende Sachen», sagt Stefanie Tüscher. So auch der Zuckerhaushalt, der bei Kindern unter zwei Kilogramm über eine Infusion direkt nach der Geburt geregelt werden muss. Frühgeborene bekommen zudem eine Magensonde, damit sie ausreichend Nahrung zu sich nehmen.

Die Neonatologie arbeitet mit verschiedenen Spezialisten wie Kinderkardiologen, Kinderradiologen, dem Psychologischen Dienst, der Musiktherapeutin, der Stillberatung oder dem Sozialdienst zusammen. «Marla geht es hier sehr gut, und dann geht es mir auch sehr gut», sagt ihre Mutter, während sie mit Marla auf der Brust im grossen Stillsessel neben dem Babybett sitzt. Betrachtet man die beiden, scheint die Zeit stillzustehen.

Sanft beruhigen

Stefanie Tüscher dagegen hat alle Hände voll zu tun. Der Monitor an der Wand blinkt und gibt plötzlich ein Piepen von sich – ein Alarm. Das ist leider auf der Neonatologie keine Seltenheit. In diesem Fall löst ihn ein zu hoher Puls einer kleinen Patientin aus. «Na, sind wir etwas temperamentvoll unterwegs?», fragt Stefanie Tüscher die Kleine im Flüsterton und streichelt ihr den Kopf. Umgehend wird der Puls niedriger, die Kleine beruhigt sich. Tüscher legt ihr zudem einen violetten, gehäkelten Tintenfisch in die Hand. Die winzigen Fingerchen greifen reflexartig nach den Tentakeln des Spielzeugs. «Die Tintenfische helfen uns, die Kleinen von den Schläuchen und Sonden abzulenken», erklärt Tüscher. Das Tintenfisch-Spielzeug wurde extra für Frühgeborene konzipiert, damit sie mit ihrem natürlichen Greifreflex nicht an den Kabeln ihrer Sonden spielen. Das Greifen am Tintenfisch knüpft an die erste Erfahrung des Greifens der Nabelschnur an.

Enge Zusammenarbeit

Wochenbettstation, Pädiatrie und Neonatologie sind im KSB eng verknüpft. Die Abteilungen helfen sich bei Engpässen gegenseitig aus. So war es auch bei Stefanie Tüscher, die früher auf der Pädiatrie arbeitete und nach mehreren Einblicken in die Neonatologie 2014 komplett auf die Abteilung der Frühgeborenen wechselte. «Mir gefällt, dass wir in der Neonatologie die Kinder und ihre Eltern über einen längeren Zeitraum begleiten», sagt Tüscher. Im Unterschied zur Pädiatrie, wo Kinder meistens nur für wenige Nächte bleiben. Für die speziellen Anforderungen an die Pflegefachfrauen der Neonatologie gibt es eine Weiterbildung, die bereits fast das gesamte Neonatologie-Team des KSB absolviert hat.

Optimale Versorgung der Kleinsten – und ihrer Eltern

«Von der Erstversorgung bis sie nach Hause gehen, sind wir bei den Babys. Wir begleiten den ersten Lebensabschnitt der Kinder – und auch die Eltern.» Letztere brauchen vor allem emotionale Unterstützung und werden von Beginn an bestmöglich integriert: Bereits im Gebärsaal kann, je nach Gesundheitszustand, das Kind vor der Verlegung in die Neonatologie noch kurz zur Mutter. In einigen Fällen ist diese erste Kontaktaufnahme nur über den Transportinkubator möglich. Zudem erhalten Eltern früh sogenannte Elterntücher, die sie am Körper tragen, damit sich der Geruch der Eltern aufs Nuschi überträgt. Später liegen die Elterntücher in der Pflegeeinheit ihres Kindes – so bleibt der elterliche Geruch auch in Abwesenheit erhalten.

«Die grösste Herausforderung im Job auf der Neonatologie ist das Unplanbare», sagt Tüscher. Doch das sei für die Pflegefachfrau auch das Spannende. «Die Zusammenarbeit mit den Ärzten, so eng verknüpft mit den Babys und deren Eltern, ist sehr erfüllend.» Viele Familien kämen auch Jahre später mit ihren Kindern nochmals vorbei, um ihnen zu zeigen, wo ihr Leben begann.

Welt-Frühgeborenen-Tag am 17. November 2018

Rund jedes zehnte Baby kommt weltweit zu früh auf die Welt. Der Welt-Frühgeborenen-Tag soll dank unzähliger Veranstaltungen in mehr als 100 Ländern die Aufmerksamkeit auf das Thema Frühgeburt lenken, Frühgeborenen sowie ihren Eltern eine Stimme geben und die Angebote der Neonatologie in der Öffentlichkeit bekannter machen. Erfahren Sie mehr über die Neonatologie am KSB.






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