Schlaganfall: Röntgenbilder des Gehirns

Der Schlaganfall und der Wettlauf gegen die Zeit

Erleidet ein Mensch einen Schlaganfall, zählt jede Minute. Mit der Stroke Unit betreiben das KSB und RehaClinic eine spezialisierte Abteilung, wo Betroffene intensivmedizinisch und interdisziplinär behandelt werden.

Um Schlaganfall-Patienten optimal zu behandeln, arbeiten die Stroke Unit und RehaClinic eng zusammen. Die verantwortlichen Fachleute sprechen im Interview über die Vorteile dieser klinikübergreifenden Zusammenarbeit, über Notfallszenarien und Rückmeldungen der Patienten.

Im Interview:
Jolanda Contartese, Leitende Ärztin IMC/Stroke Unit KSB
Alexander Tarnutzer, Leitender Arzt Neurologie KSB
Peter Sandor, Ärztlicher Direktor Neurologie RehaClinic

Beginnen wir mit Ihnen, Herr Sandor. Aus Sicht von RehaClinic: Was macht die Zusammenarbeit mit dem KSB so wertvoll?

Sandor: Der grösste Vorteil ist, dass wir unter einem Dach sind. Die Wege sind kurz, es existiert kein Informationsverlust, die gesamte Behandlung kommt aus einem Guss. Der Patient kann nach der Akutabklärung gleich mit der Rehabilitation beginnen. So sind seine Chancen auf Genesung am grössten.

Kann es die Patienten nicht auch irritieren, wenn sie von zwei verschiedenen Kliniken gleichzeitig behandelt werden?

Contartese: Nein, die meisten Patienten merken nicht mal, dass die Ärzte verschiedene Klinikkittel tragen. Dass wir als Team funktionieren, hat für alle nur Vorteile. Die Ärzte beider Kliniken lernen den Patienten bereits im Notfall kennen, was für die weitere Behandlung wichtig ist. Zudem arbeiten wir nach Konzepten, die wir gemeinsam erarbeitet haben.

Tarnutzer: Dadurch können wir Entscheide gemeinsam treffen, Fehleinschätzungen verhindern und direkt miteinander kommunizieren. Wer nah am Patienten ist, kann sein Wissen, seine Einschätzung viel besser einbringen.

Sandor: Genau, da wir die Patienten bereits kennen, werden wir in der Rehabilitation auch nicht mit – sagen wir mal – «Überraschungen» konfrontiert. Wir wissen jederzeit genau, was und wer auf uns zukommt. An Weihnachten sind Überraschungen super, in der klinischen Medizin mögen wir sie nicht, da möchten wir immer gut vorbereitet sein.

Gemeinsame Behandlung, gemeinsame Verantwortung – das klingt nach einer optimalen Zusammenarbeit. Gibt es auch Nachteile?

Contartese: Auf dem ganzen Patientenpfad, den ein Schlaganfall-Patient durchläuft, sind rund ein Dutzend verschiedene Berufsgruppen involviert. Koordinativ ist das eine anspruchsvolle Sache. Dass zwei Kliniken unmittelbar involviert sind, macht es bestimmt nicht einfacher, aber das tangiert den Patienten nicht.

Wie sieht so ein Patientenpfad aus? Ein Patient erleidet einen Schlaganfall und wird eingeliefert. Und dann?

Contartese: Im Grunde ist das wie bei einem Boxenstopp in der Formel 1. Es geht um Geschwindigkeit, da muss das ganze Team auf Knopfdruck bereit sein. Der Patientenpfad beginnt beim Rettungsdienst, der die ersten medizinischen Massnahmen trifft und uns über den Zustand des Patienten informiert. Dann lösen wir einen internen Alarm aus, und das siebenköpfige Team trifft sich direkt in der Computertomografie, wo wir den Patienten in Empfang nehmen. Die Phase vom Notfalleintritt des Patienten bis zur Diagnose dauert durchschnittlich 14 Minuten.

Tarnutzer: Wichtig ist, dass man vor dem Eintreffen des Patienten bereits möglichst viele bestehende Informationen auswertet. Kennen wir den Patienten schon? Sind Vorerkrankungen bekannt? Nimmt er Medikamente, die die Behandlung erschweren oder gar verunmöglichen könnten? Bei der Erstbeurteilung arbeiten wir nach Checklisten. Die Resultate geben Aufschluss über den Schweregrad des Hirnschlags und damit auch über die anzuwendende Therapieform. In diesen Situationen dürfen wir auf gar keinen Fall Zeit verlieren.

Das passiert bei einem Schlaganfall

Ein Schlaganfall ist eine plötzliche Funktionsstörung einer Region im Gehirn, ausgelöst durch eine Blutung oder eine Durchblutungsstörung. Entscheidend sind die ersten drei bis viereinhalb Stunden nach einem Vorfall. Befindet sich der Patient in diesem sogenannten Lysefenster, sind die Chancen auf eine Genesung am grössten. Je mehr Zeit bis zur Behandlung verstreicht, desto grösser können die Folgeschäden ausfallen. Der Schlaganfall – oder auch Hirnschlag genannt – ist eine der häufigsten Todesursachen in der Schweiz und ein häufiger Grund für eine schwere Behinderung im Erwachsenenalter.

Im Fernsehen werden solche Notfallsituationen oft hektisch, chaotisch und laut dargestellt. Entspricht das der Wahrheit?

Sandor: Nein, wir müssen zwar sehr schnell handeln. Es ist aber ebenso wichtig, dass ruhig, geordnet und effizient gearbeitet wird. «Time is brain», also Zeit ist Hirn, sagt man. Je früher ein Schlaganfall diagnostiziert und behandelt wird, desto grösser sind die Chancen auf eine Genesung.

Was kriegt der Patient – sofern er bei Bewusstsein ist – in diesen Momenten mit?

Contartese: In Notfällen wird innert kurzer Zeit sehr viel an einem Patienten gemacht. Wir sagen ihm, worum es geht und dass wir ihn später detaillierter aufklären. Die Patienten zeigen sich im Nachhinein oft beeindruckt von der Geschwindigkeit, dem grossen Team und vom Ablauf im Notfall.

Und was geht in solchen Momenten in einem Arzt vor? Herr Tarnutzer, Sie als Neurologe, wie fühlen Sie sich in diesen Situationen?

Tarnutzer: Als Arzt muss man auch in einer solchen Stresssituation ruhig bleiben. Klar ist ein gewisser Druck spürbar, denn man darf nichts verpassen und muss innerhalb von sehr kurzer Zeit wichtige Entscheide treffen. Zum Beispiel, ob es noch eine Magnetresonanztomografie braucht, ob die Situation medikamentös mit einer aggressiven Blutverdünnung in den Griff zu kriegen ist oder ob eine Thrombektomie nötig ist, also ein operativer Eingriff, um ein Blutgerinnsel im Hirn zu entfernen.

Was passiert mit dem Patienten, nachdem Diagnose und Therapieform feststehen?

Contartese: Dann kommt er erst mal zu uns in die Stroke Unit, wo er die ersten 24 Stunden überwacht wird. In der Folge werden die Ursachen für den Hirnschlag gesucht. Danach entscheiden wir, ob der Patient eine ambulante oder eine stationäre Rehabilitation starten kann. Falls noch zu viele Probleme internistischer oder neurologischer Art bestehen, bleibt er noch bei uns.

Was können die Patienten zu einem reibungslosen Ablauf auf dem Patientenpfad beitragen?

Contartese: Das Wichtigste ist die Geduld. Uns Ärzten ist bewusst, dass die Patienten nach einem Hirnschlag sehr müde sind. Trotzdem müssen wir sie vor allem in den ersten 24 Stunden nach der Einlieferung immer wieder untersuchen. Zudem beginnen wir dann bereits mit der Physio-, Ergo- und Logopädie, was manchmal sehr anstrengend ist.

Was denken Sie, wie wird sich die Behandlung von Schlaganfällen noch entwickeln?

Tarnutzer: Die Medizin ist ein dynamisches Feld. Die bildgebenden Verfahren wie die Computer- und die Magnetresonanztomografie werden immer besser. Damit haben wir künftig noch mehr Möglichkeiten in der Diagnostik und können so den Patienten präziser behandeln.

Sandor: In der Rehabilitation sind es zwei Dinge, die künftig in die Hirnschlagbehandlung einfliessen könnten: zum einen Medikamente, die die Hirnleistung in der Rehabilitationssituation verbessern, und zum andern Roboter, die helfen, die Therapieintensität zu erhöhen. Zum Beispiel Gangroboter, die den Patienten beim Gehtraining unterstützen.

Bei diesen Symptomen müssen Sie handeln

  • Plötzliche Schwäche oder Verlust der Muskelkraft bis hin zur Lähmung einer Gesichts- und/oder Körperhälfte
  • Sehstörungen (plötzliche Sehverschlechterung, Sehen von Doppelbildern)
  • Plötzliche Verwirrtheit
  • Taubheitsgefühl, z.B. in einem Arm
  • Bewusstlosigkeit oder Benommensein
  • Sprachstörungen (undeutliche Sprache, Verständigungsschwierigkeiten)
  • Plötzlich auftretende, heftige Kopfschmerzen ohne bekannte Ursache (besonders bei Hirnblutung)
  • Schluckstörungen
  • Schwindel





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