Kommunikationstraining Hebammen: Die Patientin steht im Mittelpunkt.

Hebammenausbildung: Vorbereitung für den Ernstfall

Am KSB sind ausschliesslich Hebammen tätig, die speziell geschult wurden – damit sie Schwangere auch in Konflikt- und Krisensituationen optimal betreuen. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, was bei solchen Kommunikationstrainings geschieht.

Anja Hostettler kann keinen klaren Gedanken fassen, sie steht völlig neben sich. Die 40-Jährige ist in der zwölften Woche schwanger. Gerade wurde mittels Ultraschalls die Nackenfalte des Fötus gemessen und eine erhöhte Transparenz festgestellt. Ein Anzeichen dafür, dass eine Trisomie 21 vorliegen könnte. Nervös sitzt Hostettler im Besprechungszimmer des Spitals, in das sie ihr Gynäkologe überwiesen hat. Immer wieder fährt sie sich mit der Hand über den verspannten Nacken und seufzt. Bis zur Blutuntersuchung, die weiteren Aufschluss über das Trisomie-21-Risiko geben kann, muss sie noch eine Weile warten.

Eine Hebamme in Ausbildung betritt den Raum. 15 Minuten lang versucht diese nun, auf die Patientin einzugehen und sie zu beruhigen. Sie schenkt ihr Wasser ein, führt eine Atemübung mit ihr durch, informiert sie über das weitere Prozedere. «Ich habe Zeit. Lassen Sie es mich wissen, wenn ich noch etwas für Sie tun kann», sagt die Hebamme, bevor sie wieder geht. Behutsam schliesst sie die Tür hinter sich.

Die Anspannung ist weg

Anja Hostettler springt jetzt ruckartig vom Stuhl auf, schaltet die Videokamera aus und kippt das Fenster. Sie zieht ihren Jeansblazer aus und bindet sich die Haare zusammen. Ihre Bewegungen sind jetzt nicht mehr verkrampft, vielmehr fliessen sie aus ihr heraus. Binnen Sekunden hat die Anspannung das Zimmer verlassen.

«Ich habe Zeit. Lassen Sie es mich wissen, wenn ich noch etwas für Sie tun kann.»
Serena Notter

Anja Hostettler ist nicht mehr Anja Hostettler, sondern Sandra Moser, Schauspielerin und Kommunikationstrainerin an der Berner Fachhochschule (BFH). Die Situation war eine gespielte Szene – gespielt im Rahmen eines Kommunikationstrainings, das angehende Hebammen während ihres Studiums absolvieren.

Die Krise meistern

Moser bittet die 23-jährige Studentin Serena Notter zurück ins Zimmer. Gemeinsam setzen sie sich zurück an den Tisch, an dem bis eben noch eine Krisensituation herrschte. Hinzu kommt Isabelle Wallimann, ebenfalls eine Studentin. Sie hatte den Dialog zwischen der Patientin und der angehenden Hebamme beobachtet. Zu dritt schauen sie sich nun die Videoaufzeichnung der Szene an. Anschliessend werten sie aus: Ist es der angehenden Hebamme gelungen, die Patientin durch ihre Krise zu begleiten? Konnte sie ihr helfen?

Lob und Kritik

Serena Notter sagt: «Mir geht gerade allerhand durch den Kopf, was ich hätte besser machen können.» Das Fazit der anderen: Serena Notter hat vieles richtig gemacht. Vor allem die Idee, zur Beruhigung eine Atemübung durchzuführen, kam bei der Patientin wie auch der Beobachterin sehr gut an. Und auch, dass es Notter gelungen ist, längere Gesprächspausen zuzulassen, ohne sie mit unnötigen Worten zu füllen, wurde gelobt. Ein kleiner Minuspunkt hingegen: «Als Frau Hostettler hätte ich mir ein paar Tipps zum Überstehen der kommenden Tage gewünscht», erklärt Trainerin Sandra Moser. Denn, so stand es im Situationsbeschrieb, den die Studentin vorher ausgehändigt bekommen hatte, die Patientin muss nach dem Bluttest noch drei bis vier Tage überstehen, ehe sie aussagekräftigere Resultate erhält.

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Aktiv kommunizieren und beobachten

Seit 2007 gibt es den Studiengang «Bachelor of Science Hebamme» an der Berner Fachhochschule. Alle Hebammen in spe müssen dabei acht derartige «Rollenspiele» absolvieren. An weiteren acht nehmen sie als Beobachterin teil. Die Situationen sind Fälle aus dem echten Leben und jeweils verknüpft mit einem Theoriemodul; in der oben beschriebenen Szene etwa war es das Seminar «Belastende Situationen und Krisen begleiten».

«Der Klientin beizustehen – das ist meine Aufgabe als Hebamme.»
Serena Notter

Serena Notter hat inzwischen schon mehrere dieser Kommunikationstrainings absolviert – und ist froh über dieses Angebot seitens der Hochschule. «Im Sommer habe ich ein zehnwöchiges Praktikum im Spital gemacht und dort gesehen, dass das, was wir hier üben, in der Realität tatsächlich vorkommt», sagt Notter, für die es die Erfüllung eines Kindheitstraums bedeutet, Hebamme zu werden.

Geschützter Übungsrahmen

Besonders beeindruckt hat sie ein Kommunikationstraining zum Thema «Moral». Darin verhielt sich ihre Vorgesetzte unangemessen gegenüber einer fremdsprachigen Klientin, indem sie diese nicht ernst nahm. Hier also musste sich Notter für die Klientin einsetzen, obwohl das einen Konflikt mit ihrer Chefin zur Folge gehabt haben dürfte. «In einem solchen Moment kostet es natürlich Überwindung, der Klientin beizustehen. Aber genau das ist meine Aufgabe als Hebamme», so Notter. Sie ist überzeugt, derartige Situationen später im Berufsalltag souveräner meistern zu können. «Dank des geschützten Rahmens, in dem diese Trainings stattfinden.»

Ihre Kommilitonin Isabelle Wallimann pflichtet ihr bei: «Es hilft, so etwas schon einmal durchgespielt zu haben. In diesen Kursen bin ich für etwa 20 Minuten ‹gefangen› und somit gezwungen, die Situation irgendwie zu lösen. Manchmal, wenn ein Gespräch schiefläuft, kann man auch einen neuen Anlauf nehmen und so herausfinden, was funktioniert – und was nicht.»

Die Ausbildung zur Hebamme

Um Hebamme zu werden, muss man ein Bachelorstudium absolvieren. Den «Bachelor of Science Hebamme» bieten beispielsweise die Berner Fachhochschule oder die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften an. Das Studium dauert vier Jahre, wovon ein Jahr aus Praktika an verschiedenen Einsatzorten besteht.

Das Kantonspital Baden stellt rund 30 Praktikumsplätze für angehende Hebammen zur Verfügung. Es ist damit eines der grössten Ausbildungszentren der Schweiz. Erfahren Sie mehr über das Berufsbild Hebamme am KSB.






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