Illustration eines Schmetterlings auf dem Hals einer Frau

Hashimoto: Wenn die Schilddrüse sich selbst zerstört

Was nach einer japanischen Marke oder dem neuesten Sushi-Trend klingt, ist tatsächlich eine der am häufigsten auftretenden Autoimmunerkrankungen. Michael Egloff, Leitender Arzt Endokrinologie/Diabetologie, erklärt, wieso Hashimoto-Diagnosen oft Zufallsbefunde sind und weshalb er von Ratgeberliteratur nicht viel hält.

Sie wiegt gerade mal 20 Gramm. Und doch spielt die Schilddrüse eine bedeutende Rolle im menschlichen Körper. Dieses kleine schmetterlingsförmige Organ liegt an der Vorderseite des Halses unterhalb des Kehlkopfes auf der Luftröhre auf. Seine Aufgabe ist es, aus Jod und anderen Bausteinen Hormone herzustellen, zu speichern und sie über das Blut an den Körper abzugeben.

Die Schilddrüsenhormone regeln viele Stoffwechselvorgänge des Körpers und halten sie im Gleichgewicht. So wirken sie auf den Energiestoffwechsel sowie den Sauerstoffverbrauch und regulieren die Körpertemperatur und den Wasserhaushalt. Ausserdem sind sie für die Tätigkeit der Muskeln und des Nervensystems von Bedeutung. Auch die Funktion des Herzens, des Kreislaufs, des Magen-Darm-Trakts sowie die psychische und die seelische Verfassung hängen wesentlich von der Schilddrüse ab. Gerät sie aus dem Gleichgewicht, hat das erhebliche Auswirkungen auf unser Wohlbefinden.

Wie und warum entsteht Hashimoto?

Bei der Schilddrüsenerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis handelt es sich um die häufigste Form einer Schilddrüsenentzündung. Sie ist benannt nach dem japanischen Arzt Hakaru Hashimoto, der sie 1912 erstmals beschrieb. Die Erkrankung ist autoimmun bedingt. Das bedeutet, dass der Körper aus bislang ungeklärter Ursache Immunzellen gegen die Eiweisse der Schilddrüse bildet. Dies führt zu einer chronischen Entzündung, die wiederum eine Schilddrüsenunterfunktion verursacht.

Hashimoto-Thyreoiditis verläuft schmerzlos. Ausserdem bringt die Erkrankung unspezifische Symptomen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Müdigkeit, Schwindel oder Haarverlust mit sich. Daher wird Hashimoto oft erst spät erkannt. «Häufig kommt es zu Zufallsbefunden», sagt Dr. Michael Egloff, Leitender Arzt Endokrinologie/Diabetologie. Er weist darauf hin, dass nicht jede Auffälligkeit gleich mit einer Erkrankung im Zusammenhang steht. «Etwa 20 bis 25 Prozent der Normalbevölkerung haben erhöhte Schilddrüsenantikörper. Dennoch sind die meisten von ihnen gesund.» Er erachtet deshalb einen vorsichtigen Umgang mit der «Modediagnose Hashimoto» als wichtig. Er fügt an: «Auch ich habe mich heute Morgen antriebslos und müde gefühlt. So etwas ist normal und sollte nicht als krankhaft erachtet werden, sofern dies nur an einigen Tagen auftritt. Dauern die Beschwerden aber an, sollten sie unbedingt ärztlich abgeklärt werden.»

«Hashimoto ist zwar eine chronische Krankheit, aber einfach zu therapieren.»
Michael Egloff

Symptome von Hashimoto können verwirren

Um Hashimoto-Thyreoiditis sicher zu diagnostizieren, führt Michael Egloff zuerst ein ausführliches Anamnesegespräch. Dabei klärt er mit den Betroffenen die Krankheitsgeschichte. Anschliessend folgt eine Blutuntersuchung, bei der die Konzentration der Schilddrüsenhormone gemessen wird. Als bildgebendes Verfahren unterstützt eine Ultraschalluntersuchung die Diagnose. Frauen sind von Hashimoto viermal häufiger betroffen als Männer.

Laut Michael Egloff ist es für Patienten manchmal verwirrend, dass es zu Beginn der Erkrankung vorübergehend zu Symptomen einer Schulddrüsenüberfunktion kommen kann. Obwohl ja das Gegenteil, eine Schilddrüsenunterfunktion, vorliegt. Patienten klagen dann über Schwitzen, Herzrasen, Bluthochdruck, Durchfall oder Nervosität. «Es fühlt sich an, wie wenn man mit angezogener Handbremse aufs Gaspedal drückt», veranschaulicht der Endokrinologe. Er erklärt: «Schilddrüsenzellen speichern Hormone. Durch eine Entzündung können die Speicher jedoch aufplatzen. Das setzt Hormone frei und es kommt es zu einer Überfunktion. Wenn die Speicher anschliessend leer sind und Schilddrüsenzellen nicht mehr richtig Hormone produzieren können, ergibt sich wiederum eine Unterfunktion.»

Hormone zur Therapie

Die Behandlung von Hashimoto besteht darin, Hormone einzunehmen, sofern der Körper zu wenige produziert. «Es mag Patienten im ersten Augenblick erschrecken, dass man nach der Diagnose lebenslang Hormone einnehmen muss. Doch es handelt sich dabei um natürliche Hormone, die nur bei falscher Dosierung zu Nebenwirkungen führen», beruhigt der Hormonexperte. Die gute Nachricht ist: «Auch wenn es sich bei Hashimoto um eine chronische Krankheit handelt, ist es wohl die am einfachsten zu therapierende.»

«Bei vielen Ratgebern handelt es sich eher um pseudowissenschaftliche Halbwahrheiten.»
Michael Egloff

Schilddrüsenunterfunktion: Vorsicht vor Ratgeberliteratur

Trotzdem klagen manche Patienten auch unter der Hashimoto-Therapie über Symptome. Viele suchen deshalb Unterstützung in Ratgeberliteratur. Michael Egloff rät davon allerdings ab. «Ich verstehe zwar, dass Patienten nach jedem Strohhalm greifen, wenn sie weiterhin Beschwerden haben. Bei vielen Ratgebern handelt es sich jedoch eher um wahrscheinlich gutgemeinte pseudowissenschaftliche Erklärungen und Halbwahrheiten.» Daneben gebe es auch Selbsterfahrungen, die naturgemäss subjektiv gefärbt seien.

«Das Hauptproblem ist jedoch, dass Betroffene die Symptome, die sie verspüren, fälschlicherweise als zu hoch oder zu tief dosierte Hormondosis interpretieren. Allerdings können eben andere Ursachen dahinterstecken.» Für den Arzt steht deshalb die fachkundige und empathische Betreuung der Patienten an erster Stelle. «Ich nehme die Beschwerden meiner Patienten selbstverständlich ernst. Ich spreche offen mit ihnen und zeige Verständnis für ihre Symptome. Wenn die Therapie keine Wirkung zeigt, gehe ich über die Bücher. Dann versuche ich, andere mögliche Ursachen für die Beschwerden zu finden. Denn diese Symptome existieren tatsächlich und sind nicht eingebildet.» Allerdings sei Angst ein Verstärker von Symptomen. «Und wenn ich den Patienten die Angst nehmen kann, können schwierige Verläufe meist vermieden werden.»

Endokrinologie am KSB

Vermuten Sie eine Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion? Wenden Sie sich für einen Termin in der Sprechstunde an endokrinologie@ksb.ch






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